Die „Hölle des Nordens“, die „Königin der Klassiker“ – Paris-Roubaix hat passende Beinamen! Es ist ein absurdes Radrennen! Der Anachronismus des Radsports. Einzigartig, faszinierend, nahezu magisch – für viele Fans und Fahrer das ganz große Highlight des Jahres. Eine atemberaubende Stimmung an der Strecke. Ekstatische Fans verwandeln die Sektoren in Arenen, in denen die Gladiatoren der Neuzeit frenetisch gefeiert werden. Radsport hautnah: Die Erschöpfung der Sportler- und Sportlerinnen ist erlebbar.
„Wer behauptet, dass er es liebt, erzählt Schwachsinn“, sagte einst Rolf Aldag. Absurd, brutal und wundervoll. Das Pflaster von Roubaix hat eine magische Anziehungskraft und seit nun sechs Jahren auch Heldinnen – denn endlich gibt es auch eine Austragung für die Frauen.
„Ein Haufen Scheiße & das schönste Rennen der Welt“
Keine unserer Roubaix-Vorschauen kommt ohne das legendäre Zitat von Theo de Rooy aus dem Jahr 1985 aus, weil es den Mythos Roubaix extrem gut beschreibt. „Dieses Rennen ist Schwachsinn. Du arbeitest wie ein Tier, du hast keine Zeit zum Pinkeln, machst dir in die Hose. Es ist ein Haufen Scheiße”, sagte er nach dem Rennen. Als der Reporter fragte, ob er denn jemals wieder starten würde, antwortete de Rooy sofort: „Natürlich, es ist das schönste Rennen der Welt“.
Genau 54,8 Kopfsteinpflaster-Kilometer, in Summe 256,9 Kilometer von Compiegne bis ins Velodrom von Roubaix. Die Strecke wurde in diesem Jahr nur leicht verändert. Die ersten Sektoren sind gleich geblieben, dann variiert die Strecke etwas.
Ab Sektor 22 ist die Strecke und die Abfolge der Pave-Stücke dann gleich dem Vorjahr. Das erste Kopfsteinpflaster ist nach 95,8 Kilometern erreicht und 2,2 Kilometer lang. Die nächsten beiden Sektoren folgen direkt danach. Sektor 28 ist der erste heftige Abschnitt. Mehr als dreieinhalb Kilometer lang und mit 4 Sternen gekennzeichnet – nur drei Abschnitte haben 5 Sterne erhalten!
Die erste Schlüsselstelle ist Haveluy to Wallers – Sektor 20. Lang und schwer – die beste Chance, das Feld vor dem Wald von Arenberg auzudünnen.
Wald von Arenberg
Legendär ist Sektor 19 – der berühmte „Wald von Arenberg“. Ein brutaler Abschnitt, eine Schneise durch den Wald – schnurgerade, zunächst durch eine Senke, dann leicht bergan. Vor dem Abschnitt muss man in guter Position sein, sonst kann man schnell abgehängt werden – das wurde Marius Mayrhofer im vergangenen Jahr zum Verhängnis – sonst wäre bei ihm mehr als Top20 drin gewesen.
Nach “dem Wald” wird geschaut, wer noch dabei ist. Von hier aus sind es noch rund 95 Kilometer bis ins Velodrom. Man muss nicht in den ersten 3-4 Positionen aus dem Wald kommen, um am Ende eine Chance zu haben, aber wenn nach dem Arenberg eine taktische Phase beginnt, sollte man in Reichweite der anderen Favoriten sein.
Wenige Kilometer nach dem Wald von Arenberg steht der Abschnitt in Hornaing an – der Sektor John Degenkolb.
Der längste Sektor des Rennens – 3700 m. Der Sektor ist zweigeteilt, im zweiten Abschnitt könnte der Wind eine Rolle spielen und schnell Lücken aufgehen.
Rund 48 Kilometer vor dem Ziel kommt die nächste Schlüsselstelle – der Sektor Mons-en-Pévèle. Sektor für Sektor schwinden die Kräfte und der Tritt wird immer schwerer. Es schleichen sich kleine Fehler ein, die schwerwiegende Folgen haben können. Ein Schlagloch falsch erwischt kann zu einem Platten führen. Die Positionen vor den Pflasterstücken werden immer wichtiger, denn verlassen die Fahrer davor die Kräfte, ist es schwer vorbeizufahren und die Lücke nach vorn zu schließen.
Der legendäre Le Carrefour de l’Arbre ist eines der schwersten Pflasterstücke. Es sind nur noch 17 Kilometer bis zum Ziel, der ideale Moment, für die Vorentscheidung zu sorgen. Hier muss man auch mental stark sein, die Grenzen verschieben. Im schmalen Spalier der Fans wird jedes Korn auf die Straße geworfen. Vorn geht es um die Podiumsplätze, hinten nur noch darum, auf dem Rad zu bleiben. Am Carrefour de l’Arbre lässt sich für die Fans hautnah erleben, was dieses Rennen mit den Fahrern macht. Leere Blicke, Schmerz-Grimassen, kaum noch Spannung im Oberkörper – sie wollen, aber der Körper kann nicht mehr.
Carrefour de l’Arbre
Nach dem Carrefour de l’Arbre bleiben noch drei Sektoren – wobei der letzte Abschnitt ein kurzes Stück über einen gepflasterten Gehweg ist, wo vor Jahren Steinplatten mit den Namen der Roubaix-Sieger eingelassen wurde. Dann geht es ins Velodrom. Die letzten eineinhalb Runden auf der Radrennbahn sind der passende Abschluss für dieses epische Rennen. Kommt es zum Sprint einer kleinen Gruppe, gilt es aufmerksam zu sein und sich nicht einbauen zu lassen.
Die Favoriten
Der Top-Favorit ist der Titelverteidiger – Mathieu van der Poel ist wie geschaffen für dieses Rennen. Er verbindet Power mit Stehvermögen, Endschnelligkeit und exzellenter Bikebeherrschung. Mathieu van der Poel ist vielleicht sogar der beste Roubaix-Fahrer aller Zeiten. Doch er hat Konkurrenz! Tadej Pogacar ist der beste Radsportler aller Zeiten – gewinnt Klassiker, Grand Tours und nahezu auf jedem Terrain. Vier der fünf Monumente hat er bereits gewonnen – Paris-Roubaix fehlt ihm noch.
Das Duell der beiden Giganten wird auf dem Kopfsteinpflaster von Roubaix ausgetragen. Pogacar wird versuchen, für ein schweres Rennen zu sorgen, möchte gern den endschnellen Van der Poel abschütteln. Aber auch bei einem Sprint im Velodrom nach einem brutalen Rennen ist es keine sichere Angelegenheit für Van der Poel! Geht Van der Poel angeschlagen in den Sprint, könnte Pogacar durchaus gewinnen – noch ein Grund, dass der Weltmeister versuchen sollte, das Rennen möglichst zeitig schwer zu machen. Der angekündigte leichte Rückenwind hilft ihm dabei!
Hinter den beiden Überfliegern gibt es eine ganze Reihe Fahrer mit guten Chancen auf ein Top-Ergebnis. Wout van Aert, natürlich! Mads Pedersen ebenso! Beide standen bereits zwei Mal auf dem Podium! Ein heißer Kandidat fürs Podium ist in diesem Jahr auch Filippo Ganna! Der tempofeste Italiener ist in guter Form und mit seiner Power bei diesem flachen Rennen im Vorteil.
Mit Dylan van Baarle und John Degenkolb sind neben Van der Poel zwei weitere Sieger des Rennens am Start.
***** Mathieu van der Poel **** Tadej Pogacar *** Van Aert, Ganna, Pedersen ** Vermeersch, Laporte, Segaert, Hagenes, Stuyven, Philipsen * Van Baarle, Degenkolb, Meeus, Bissegger, Lampaert, Mohoric
Das Rennen der Frauen führt über 143,1 Kilometer. Sie starten in Denain und absolvieren 20 Sektoren. Sie erreichen rund eine Stunde nach den Männern das Ziel.
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