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Wout und der Stein der vielen Geschichten

Es ist die große Geschichte dieses Paris-Roubaix und natürlich füllt sie die Medien. Wout van Aert holt sich den Stein, reckt den Finger gen Himmel und wird von den Emotionen überwältigt. Jeder Hollywood-Regisseur könnte daraus einen Film machen. Doch diese Geschichte hat viel mehr Ebenen, als die des Sporthelden, der sich den größten Traum erfüllt und den Sieg seinem verstorbenen Teamkollegen widmet.

Es wurde ganz still im großen Vélodrome Jean Stablinski, der überdachten Radrennbahn neben dem offenen Beton-Oval, als Van Aert während der Pressekonferenz über die Geste bei der Zieleinfahrt sprach. Es war die erste Teilnahme von Van Aert, im Jahr 2018, als sein Teamkollege Michael Goolaerts im Rennen einen Herzinfarkt erlitt und starb. „Dieser Sieg ist für ihn„, sagte Van Aert. Er habe seit diesem Tag daran gedacht, dieses Rennen irgendwann zu gewinnen und es ihm zu widmen. Und in diesem Jahr führt die Strecke das erste Mal wieder über den Sektor Viesly à Briastre – der Ort, an dem Goolaerts starb. Van Aert sagte, dass er daran glauben möchte, dass ihm das heute eine Extraportion Kraft gegeben hat.

Doch dieser Sieg von Wout van Aert hat noch weitere Ebenen. Der Belgier hat große Siege gefeiert, ist einer der besten Fahrer seiner Generation! Doch bis zum 12. April 2026 wartete er auf den Sieg bei einem Kopfsteinpflaster-Monument. Er war mehrfach ganz nah dran, bei der Ronde van Vlaanderen und auch in Roubaix. Doch irgendwas verhinderte den Triumph – mal Pech, mal die überstarke Konkurrenz. Längst begann die Diskussion über eine unvollendete Karriere und dass er in Zeiten von Pogacar und Van der Poel nun im Schatten verschwinden würde. Allzu oft hatte er sich Dauerrivalen Mathieu van der Poel geschlagen geben müssen. Doch nun war er dran. Und es passte einfach perfekt zu diesem Rennen, zu diesem Sport, zu Van Aert und der ewigen Rivalität der beiden Cross-Extrakönner, dass Van der Poel im Ziel angekommen den direkten Weg zu Van Aert suchte, um ihm zu gratulieren.

Und es gibt noch weitere Themen, die diesen Sieg noch wertvoller machen. Teamboss Richard Plugge jagt diesem Erfolg schon einige Zeit hinterher. Natürlich spielte das im Visma-Team eine Rolle, war Roubaix immer ein ganz, ganz großes Ziel. Van Aert lieferte und während Van Aert noch im Velodrom Interviews gab, stand Plugge mit einem Bier in der Hand hinter dem Teambus. Seinem Gesicht nach zu urteilen, muss es sehr lecker gewesen sein. All diese Randgeschichten, zu denen auch die verpatzte Klassikersaison 2025 gehört, die durch die Folgen des schweren Sturzes bei der Vuelta 2024 beeinflusst wurde, oder die Verletzung beim Cross in diesem Winter, wo man wieder fürchten musste, dass es nicht ganz reicht, für Top-Shape bei den Pflaster-Monumenten – all das lasse ich hier nur kurz angerissen, sonst liest niemand bis zu Ende. All das und noch viel mehr steckt in diesem Sieg von Wout van Aert. Selbst wenn man seine Karriere intensiv verfolgt hat, kann man wohl nur erahnen, was dieser Stein ihm bedeutet.

Dies war natürlich auch Gesprächsthema in der Journalisten-Blase an diesem Wochenende. Nicht wenige gönnten dem Belgier diesen Sieg. Wout war einfach dran.


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