„Alle Rookies sind ein großartiges Rennen gefahren und haben gezeigt, dass unser Konzept funktioniert“, sagt Red-Bull-Nachwuchs-Chef Tim Meeusen, nach dem Sieg von Davide Donati beim U23-Paris-Roubaix. Nicht der erste, aber ein bedeutender Sieg für die „Red Bull-Bora-hansgrohe Rookies“ – das U23-Nachwuchsteam der WorldTour-Equipe.

Vor zwei Jahren hat das deutsche Team nach dem Einstieg von Red Bull ein Konzept für die Nachwuchsentwicklung entwickelt. Damals unter der Leistung von John Wakefield. Wie das Team aufgebaut wurde, hatte uns Wakefield vor eineinhalb Jahren ausführlich beschrieben. Neben dem U19-Team wurde die U23-Mannschaft aufgesetzt und startete zur Saison 2025 mit Konti-Lizenz. Man war direkt erfolgreich, und holte unter anderem den Sieg bei der U23-Lombardbei-Rundfahrt. Top-Talent Lorenzo Finn wurde U23-Weltmeister. Wakefield ist weiter in das Nachwuchsprogramm involviert, die Leitung hat nun zur neuen Saison Tim Meeusen übernommen, der bereits einige Jahre als Scout für die Mannschaft gearbeitet hatte.

„John und ich, wir waren uns immer sehr nahe. Wir ergänzen uns, und das tun wir immer noch. Natürlich hat sich meine Berufsbezeichnung geändert, aber nicht die eigentliche Arbeit. Ich habe jetzt mehr Verantwortung, aber ich habe die Arbeitsbelastung bereits im vergangenen Jahr mit John geteilt“, sagt Meeusen (Foto links © Flavio Moretti / Red Bull Content Pool), der für die Entwicklungsstruktur verantwortet.

Der Sieg bei Paris-Roubaix hat für das Team eine große Bedeutung. „Unglaublich – ich bin komplett überwältigt und es fällt mir schwer, die richtigen Worte zu finden. Mitzuerleben, wie unsere jungen Athleten ihren Weg gehen und solche Erfolge feiern – das ist einfach wahnsinnig schön“, so Meeusen. Erfolg ist durchaus wichtig, nach der starken Auftaktsaison 2025 gab es eine gewachsene Erwartungshaltung. „Das war vielleicht die größte Veränderung zum vergangenen Jahr, dass jeder nun Erwartungen hat. Und das ist auch meine Aufgabe und die Aufgabe meiner Mitarbeiter, die Jungs vor zu großen Erwartungen zu schützen“, hatte Meeusen zu Beginn der Saison gegenüber CyclingMagazine gesagt.

Red Bull-Bora-hansgrohe Rookies vorn im Feld
(Foto: Twila Federica Muzzi / Red Bull Content Pool)

Erfolge in der U23 sind nur ein Zwischenschritt. „Das ultimative Ziel ist es, Jungs für das WorldTour-Team zu entwickeln“, sagt Meeusen. Das ganze Nachwuchskonzept ist darauf ausgerichtet, Top-Talente zu entdecken, sie zu entwickeln und dann im Red-Bull-Trikot in der WorldTour erfolgreich zu sein. „Ich brauche keine Fahrer, um Juniorenrennen zu gewinnen. Ich brauche Fahrer, die im WorldTour-Team wertvoll sind“, bringt es Meeusen auf den Punkt. Teamchef Ralph Denk spricht gern davon, die „nächsten ikonischen Fahrer“ in der eigenen Struktur zu entwickeln. Das ist der übergeordnete Plan. Es ist ein langer Weg, vom Scouten für das Junioren-Team, über die Juniorenzeit und die U23-Klasse bis in die WorldTour und dann die Weltspitze. „Mein ultimatives Ziel ist es, alle meine Rookies an einem Punkt in unserem WorldTour-Team zu haben“, sagt Meeusen. „Das ist mein eigentliches Ziel, mein Antrieb.“ Große Siege, wie in der Lombardei oder jetzt in Roubaix sind wichtig, doch es geht in der Entwicklung um mehr.

„Wir sind zielorientiert, aber wir sind auch entwicklungsorientiert. Und das ist für mich ein Schlüsselfaktor. Lernen zu gewinnen, lernen zu verlieren. Lernen, auf ein Ziel hinzuarbeiten. Lernen, lernen, lernen“, sagt Meeusen.

Im Vergleich zu 2025 ist die Struktur gewachsen, hat das gesamte Nachwuchsprojekt einen Schritt gemacht. „Es gibt eine gute Basis, die wir letztes Jahr hatten, und wir bauen tatsächlich auf dieser Basis auf. Ich denke, dass alles wirklich gut war. Dieses Jahr ist das Budget etwas höher und wir haben auch ein wenig mehr Personal“, erklärt Meeusen. Ernährung, Betreuung bei den Rennen, mehr Physiotherapeuten – es wurde an vielen Stellschrauben gedreht.

Als langjähriger Scout hat Meeus einen Blick für Talente, versucht beim Team die beste Struktur für ihre Entwicklung zu schaffen. So stieg der Niederländer Michiel Mouris von den Junioren ins U23-Team auf und man setzte nun auch ein kleines Cyclocross Programm auf. Nicht alles klappt direkt perfekt – Erfahrungen sammeln ist Teil des Prozesses, auch für die Teamleitung. In der Zusammenarbeit mit den Sportlern geht es darum, sie individuell zu entwickeln und mit einem langfristigen Plan in die WorldTour zu führen. Stärken ausbauen, an Schwächen arbeiten. „Es beginnt damit, dass der Fahrer selbst versucht, Stärken, seine Schwächen zu finden. Dann stellen wir individuell einen Entwicklungsplan auf und beginnen mit der Arbeit“, beschreibt es Meeusen knapp.

Dabei ist die Arbeit sehr individuell, von Fahrer zu Fahrer verschieden. Die Spannweite lässt sich gut an zwei deutschen Fahrern verdeutlichen – Max Bock und Paul Fietzke. „Bei Max müssen wir dessen Fähigkeiten auf dem Rad verbessern. Etwas mutiger werden, Erfahrungen sammeln. Der Motor ist definitiv da. Es jetzt meine Aufgabe, die Karosserie zu bauen, wenn man so will. Ich muss die Karosserie um den Motor herum formen, aber ich habe keinen Zweifel daran, dass wir mit ihm Erfolg haben werden“, sagt Meeusen und lobt die offene Art und Kritikfähigkeit von Bock. „Bei Paul ist es vielleicht ein wenig das Gegenteil. Die Karosserie ist da, der Motor muss ein bisschen ausgebaut werden. Wir müssen noch sehen, wo Pauls Zukunft sein wird, weil er ein sehr vielseitiger Fahrer ist“, so Meeusen. „Beide sind Weltklasse-Talente. Beide verdienen 100 % Unterstützung auf dem Weg in die WorldTour.“ Vieles sei heute messbar, doch Radsport sei nicht nur das physiologische Potenzial. Es gehe darum, die Heranwachsenden als Menschen zu betrachten und sie zu begleiten.

Das Ziel der jungen Sportler ist die WorldTour, der Traum die Weltspitze. Sie setzten sich selbst unter Druck, leben bereits als Nachwuchssportler strikt und enorm professionell. Doch nicht alle können es bis ganz nach oben schaffen. Und selbst Fahrer mit Potenzial werden nicht immer einen Platz bei Red Bull finden. „Wenn wir keinen Platz haben, weil es manchmal auch strategiebedingt so ist, dass wir keinen Platz in der WorldTour haben, dann werden diese Talente auch ein anderes Team finden. Wenn sie Leistungen bringen, das Gesamtpaket stimmt, dann werden sie dennoch Profi. Das versuche ich unseren Jungs zu erklären: Du hast eine Chance! Pass auf dich auf und vertraue auf den Prozess – was kommen wird, wird kommen. Es ist komplex, und manchmal müssen wir sie vor ihren eigenen Erwartungen und ihrem eigenen Druck ein wenig schützen. Aber auch was das betrifft, sind wir auf einem guten Weg.“

Callum Thornley im Einsatz beim Profi-Roubaix 2026
(Foto: © Cor Vos)

Den „einen Weg“ in Richtung Profisport scheint es dabei nicht zu geben. „Auch Siege sind nicht alles. Ich möchte ein Beispiel geben, das niemand kennt: Callum Torley hat seinen WorldTour-Vertrag unterschrieben, ohne ein Rennen zu gewinnen oder auch nur eine Top 10 zu machen. Er war so wertvoll, das haben wir letztes Jahr gesehen. Wir hatten zuvor etwas in ihm gesehen, wir haben ihn geholt und schauen wir, wo er jetzt ist – in der WorldTour. Er wird ein sehr wertvoller Fahrer sein. Wird er Top-Rennen gewinnen? Ich weiß es nicht, aber er wird ein sehr wertvoller Fahrer sein“, ist sich Meeusen sicher.

Paris-Roubaix war eines der großen Ziele der U23-Mannschaft im Frühjahr. Der Sieg bringt Bestätigung, nimmt Druck. „Ich habe auch davor keinen großen Druck gemacht“, sagt Meeusen und sieht den Erfolg in Roubaix als Bestätigung des Konzeptes. Einige Klassiker stehen für das U23-Team noch an – Lüttich-Bastogne-Lüttich und auch das U23-Gent-Wevelgem. Danach beginnt im Juni die Saison der großen Etappenrennen. Der „Giro Next Gen“ ist auch eines der großen Ziele. Meeusen und sein Team schauen derweil bereits nach neuen Talenten für die Red-Bull-Nachwuchsteams – nach der übernächsten Generation der WorldTour-Profis.