Es ist eine spezielle Rückkehr für Gregor Mühlberger zum Giro d’Italia. Zum zwölften Mal in seiner Karriere steht der 32-jährige Österreicher, der mittlerweile in Salzburg seinen Lebensmittelpunkt gefunden hat, am Start einer GrandTour. Erneut tritt er als Helfer in die Pedale, vor allem in den Bergen werden die Dienste des kletterstarken Allrounders gefragt sein. Und zwar von einem Landsmann, der ein großes Ziel verfolgt.

Denn der Juniorenweltmeister von 2015, Felix Gall, ist zu einem der besten Klassementfahrer herangewachsen. Nach starken Auftritten in den letzten Jahren bei der Tour de France, aber auch der Vuelta a Espana, mag es der Osttiroler nun beim Giro wissen und peilt sein erstes Podium bei einer GrandTour an.

„Ich kenne ihn seit den Weltmeisterschaften 2015 in Richmond“, erinnert sich Mühlberger zurück, der damals für Österreichs U23 im Einsatz war, als Gall dort Geschichte schrieb und als erster Österreicher ins Regenbogentrikot fuhr. Seit diesem Jahr sind die beiden Teamkollegen bei Decathlon CMA CGM in Frankreich. Für den Wechsel von Mühlberger zu dem Team, war auch Gall mitverantwortlich.

Als Mühlberger zum letzten Mal beim Giro am Start stand, raste mit Lukas Pöstlberger ein Teamkollege von ihm am Eröffnungstag ins Rosa Trikot. Der damalige Bora-Profi ist nach wie vor der einzige Österreicher, dem so ein Husarenstück bisher gelang. Während der Oberösterreicher, der mittlerweile zum Gravel gewechselt ist, die Sprinter überraschte und düpierte in Olbia, würde sich Mühlberger diesmal mehr freuen, wenn das Maglia Rosa am Ende dieser Austragung des Giro wieder auf den Schultern eines Österreichers landet.

„Er hat nicht nur Talent, sondern ist auch ein harter Arbeiter“, Mühlberger über Gall

„Wir haben das Team dafür und können uns im Feld behaupten. Dazu haben wir einen Kapitän, der zu den fünf stärksten Kletterern der Welt gehört bei einer GrandTour“, blickte Mühlberger voraus, der sich mit Gall perfekt versteht. Beide wohnen mittlerweile in Salzburg und die vielen Trainingslager in dieser Saison hat das Duo zusammengeschweißt. Beim Giro sind sie auch Zimmerkollegen.

„Gregor ist nicht nur ein Teamkollege, sondern auch ein guter Freund geworden“, meinte Gall dazu vor dem Grande Partenza in Bulgarien. Er weiß, dass sein Landsmann nicht nur auf dem Rad, sondern in den vielen Stunden vor und nach den Etappen wichtig ist für ihn. Mühlberger sammelte in den letzten Jahren viele Erfahrungen, wenn auch nicht immer positive, erinnert man sich an die Aufgaben von Enric Mas bei der Tour de France.

„Bei einer GrandTour ist es wichtig, dass man sich durch alle Phasen hilft. Der Zimmerkollege kann dich motivieren, hört dir aber auch zu, wenn man selbst Probleme hat oder Zweifel. Das hilft und vor allem auch, wenn man die gleiche Sprache spricht“, so Gall, der nun endlich beweisen will, dass er eine dreiwöchige Rundfahrt auch am Podium abschließen kann.

Die Voraussetzungen dafür hat er, im letzten Jahr wurde er Fünfter bei der Tour und Achter bei der Vuelta. „Was ihn auszeichnet, ist nicht nur sein super Motor, sondern auch seine Herangehensweise. Er arbeitet sehr genau und deswegen gehört er zu den Mitfavoriten beim Giro. Er hat nicht nur Talent, sondern ist auch ein harter Arbeiter. Und auch ein unheimlich netter Kerl“, beschreibt Mühlberger seinen Kapitän.

Dessen Achillesferse war bisher das Zeitfahren. So richtige Lösungen dafür hat der Osttiroler noch nicht gefunden, auch in dieser Saison bei seinem einzigen Auftritt gegen die Uhr verlor er auf 12 Kilometer in den Vereinten Arabischen Emiraten fast eine Minute auf Weltmeister Remco Evenepoel, obwohl der Österreicher Topwerte nach eigenen Angaben fuhr.

„Klar wird er im Zeitfahren Zeit verlieren, aber nie so viel wie an einem schlechten Tag in den Bergen. Deswegen musst du immer dabei sein und gerade der Giro mit der schweren letzten Woche kommt ihm entgegen“, meint Mühlberger dazu. Geht es berghoch, so schätzt der Österreicher lediglich Jonas Vingegaard (Visma – Lease a Bike) als Kontrahenten ein, der Gall abschütteln kann.

„Dennoch sind es nicht nur die Etappen, die für Mühlberger entscheidend sind. Bei einer GrandTour muss schon alles zusammenpassen, Tag für Tag. Als Kapitän darfst du dir keine Schwäche leisten, das Team ist jeden Tag für dich bereit um zu helfen, zu unterstützen“, so der erfahrene Helfer, der bei seinem Wechsel zum französischen Team aber auch feststellen musste, dass die Möglichkeiten dort viel größer sind, als wie beispielsweise bei Movistar in Spanien.

Man merke, dass das gewisse Budget da sei, vor allem auch bei der Entwicklung der Räder und Materialien, wo vor allem der Decathlon Konzern mit seiner Marke Rysel stark dahinter ist: „Wenn was Neues kommt, dann wird viel produziert und getestet und da verfügen sie über mehr Möglichkeiten als ein Team, welches an eine Radmarke gebunden ist und diese als Kunde bekommt. Man spürt sie wollen richtig groß werden und die Entwicklung geht auch steil nach oben.“

Auf der Straße kann Gall (Foto rechts) dann vor allem auf den Belgier Oliver Naesen als Road-Captain vertrauen. „Der bringt ihn immer perfekt in Position und weiß auch wie Felix fahren will und kann, sodass er immer schön an seinem Hinterrad bleiben kann. Das haben sie im letzten Jahr bei der Tour schon gut gemacht“, erklärte Mühlberger, der selbst eigentlich gar nicht so der Giro-Fan ist und das hat auch einen Grund.

Ein Traum von Rosa in Rom beginnt für zwei Österreicher beim Giro, denn der 32-Jährige mag vor allem kaltes Wetter nur ungern. „Und beim Giro kann es leider oft regnen. Ich brauche da so lange, bis sich mein Körper wieder erwärmt. Und das zehrt vor allem auch die Tage danach“, erzählte der Österreicher. Er hofft deswegen auf gutes Wetter, damit er auch seine Stärken am Berg in der letzten Woche für seinen Kapitän ausspielen kann. „Jeder weiß was ich kann, speziell im Hochgebirge. Ich habe zwar mein Limit im Vergleich zu der Weltspitze, aber ich verliere wenig an Leistung je länger eine Rundfahrt ist. Unsere Chancen sind gut auf ein Podium in Rom, vielleicht geht ja noch mehr“, meinte er angesprochen auf die Möglichkeit seinen ersten Giro mit einem Teamkollegen in Rosa zu beginnen und den zweiten Giro neun Jahre später mit der gleichen Farbe in der italienischen Hauptstadt abzuschließen.