„Ich freue mich auf die Tour, aber ich will jetzt auch nicht zu euphorisch werden„, sagt Max Kanter ruhig. Zwei Tage noch, dann beginnt das Abenteuer Tour de France. Es ist sein Debüt beim größten Rennen der Welt. Etwas ganz Besonderes. „Die Tour de France ist der Begriff für Radsport. Hier in Deutschland ist es das einzige Rennen, das die Menschen kennen. Ich war tatsächlich noch nie bei der Tour, auch nicht als Zuschauer, obwohl ich das immer vor hatte“, erzählt Kanter. „Aber natürlich lief die Tour bei uns immer im TV zu Hause. Mein Opa und mein Onkel waren schon immer große Radsportfans und durch sie ist der Radsport ein wenig über die gesamte Familie geschwappt“, sagt Kanter und lacht.

„Die Liebe zur Tour ist natürlich da, und alle freuen sich und sind stolz, dass ich dabei bin. Meine Familie hat einen großen Anteil daran, dass es mir möglich ist, beim größten Rennen der Welt dabei zu sein. Umso mehr freue ich mich, dass einige auch zum Start nach Barcelona kommen“. Max Kanter ist inzwischen ein erfahrener Profi. Fünf Grand Tours hat der Sprinter vom Team XDS-Astana bereits absolviert, allein vier Mal den Giro. Nur die Tour fehlt eben noch. „Na klar will man die Tour fahren, vor allem auch als Sprinter. Am Ende ist die Vorbereitung aber wie bei jedem anderen Rennen auch. Wir gehen mit einem starken Team zur Tour und haben natürlich große Ziele, die wir bestmöglich erreichen wollen.“

wenn du bei der Tour einmal als Erster über die Linie fährst, kann das dein Leben verändern

Gemeinsam erfolgreich

Der Tourstart war lange geplant. Doch während einer Saison kann viel passieren. „Nach meinem Sturz bei Gent-Wevelgem war ich schon etwas unruhig, aber im Mai bei der Ungarn-Rundfahrt lief es bereits wieder sehr ordentlich und ich bin froh, dass die Regeneration nach dem Sturz so schnell ging.“ Die Nominierung des Deutschen kommt nicht überraschend. Kanter ist zwar kein Seriensieger, aber ein sehr konstanter Fahrer. Allein in diesem Jahr holte er sechs Top3-Resultate. Darunter ist auch der Etappensieg beim WorldTour-Etappenrennen Paris-Nizza. Gegen eine Top-Konkurrenz. „Der Sieg bei Paris-Nizza war sehr schön, aber er hat nicht all zu viel verändert. Ich hab mir da jetzt nichts drauf eingebildet. Wir wussten, dass es klappen kann, wenn alles passt. Das war an diesem Tag so und Mike (Teunissen, Anfahrer) hat einen herausragenden Job gemacht. Wir haben als Team gezeigt, dass wir sehr gut zusammen funktionieren und was möglich ist, wenn alles passt. Genau mit dieser Einstellung gehen wir auch in die Tour.“

Max Kanter – Etappensieger bei Paris-Nizza
(Foto:© Cor Vos)

Bei der Tour de France sind die besten Sprinter der Welt am Start, nirgendwo ist es so schwer, Erfolge einzufahren, wie bei der Frankreich-Rundfahrt. „Natürlich ist es schwer, aber in Massensprints ist alles möglich. Tim Merlier hat wohl den größten Top-Speed, kann aus Positionen gewinnen, wo es andere nicht schaffen. Aber das ist nicht alles. Im Sprint kommt es auf so viele Sachen an, da kann ganz viel passieren.“

Der wichtigste Mann an seiner Seite ist Anfahrer Mike Teunissen. „Mike hat unglaublich viel Erfahrung, ein Auge und ist brutal stark. Wir funktionieren gut zusammen und ich habe volles Vertrauen in ihn. Das braucht es auch, um erfolgreich zu sein. Die Abstimmung zwischen uns ist immer besser geworden, und nach den Erfahrungen zuletzt in Belgien haben wir auch die Feinabstimmung verbessert. Mike hilft mir immens, er bringt mir auch die nötige Coolness. Auch das ist extrem wichtig.“

es ist genau der richtige Zeitpunkt für meine erste Tour

Respekt vor den Anforderungen der Tour hat Kanter in jedem Fall. „Man will bei der Tour sicher keinen schlechten Tag haben. Vor allem, wenn es in die Berge geht. Und wenn man einen schlechten Tag hat, dann muss man ganz unbedingt dafür sorgen, dass es kein ganz schlechter Tag wird. Das war der Tipp, den ich am häufigsten gehört hab“, sagt Kanter mit einem Lachen.

Der 28-Jährige hofft, bei den Massensprints seine Chancen nutzen zu können. „Meine größte Stärke ist die Konstanz. Es wird bei der Tour sicher noch etwas härter zugehen, als bei anderen Rennen, aber auch das Positionfahren ist eine Stärke. Es geht für mich darum, den richtigen Moment zu erwischen. Das Timing ist immer von großer Bedeutung. Schnell geht eine Tür zu und du kannst deinen Sprint gar nicht erst fahren. Ich möchte dahin kommen, dass ich mit Selbstbewusstsein losfahre. Dass ich lieber etwas zu früh starte, als die Chance zu verpassen. Dafür braucht es auch Erfahrung, und die habe ich inzwischen. Der Sport ist so schnelllebig, wer weiß, wann ich wieder die Chance bekomme, bei der Tour um eine Top-Platzierung zu sprinten. Man muss es sich zutrauen und seine Chance suchen.“

Sprinter-Hirarchie

Eine klare Hierarchie der Sprinter-Weltspitze sieht Kanter nicht. „Dieses Jahr wurde bei den Sprintrennen etwas mehr rotiert. Ich denke aber schon, dass Merlier aktuell der Schnellste ist. Philipsen hat die Stärke, dass er welliges Terrain etwas besser überlebt. Aber Sprints, gerade bei der Tour, laufen oft anders, als man es erwartet. Wir haben es in Belgien gesehen: Die Spitze ist eng beieinander, es geht um Kleinigkeiten und Tagesform.“

Am Mittwoch reist Kanter zur Tour nach Barcelona an, vor dem ersten Massensprint stehen erst mal das Teamzeitfahren und auch wellige Etappen. Die Vorfreude ist dem gebürtigen Cottbuser anzumerken. „Ich glaube, es ist genau der richtige Zeitpunkt für meine erste Tour. Ich habe Selbstbewusstsein, aber kenne meinen Platz und weiß, dass es nicht einfach wird. Ich bin davon überzeugt, dass wir zusammen gute Ergebnisse einfahren können, wenn alles passt“, so Kanter.

„Die Tour ist die größte Bühne dieses Sports, wenn du da einmal als Erster über die Linie fährst, kann das dein Leben verändern. Das macht die Tour so besonders, aber eben auch besonders hart umkämpft. Ich freue mich einfach darauf, dabei zu sein und werde alles geben, was in mir steckt. Jetzt schon an den ersten Sprint zu denken, wäre sicher falsch, denn schon die ersten Tage sind hart. Generell haben wir ein starkes Team dabei und hochgesteckte Ziele. Ich persönlich schaue von Tag zu Tag, nehme die Herausforderungen so an, wie sie kommen. Im Moment freue ich mich einfach auf Barcelona und alles, was dort passiert. Aber nach der Teampräsentation geht der Blick dann bereits voll konzentriert in Richtung Teamzeitfahren. Die Tour ist etwas Besonderes, aber am Ende muss es das Ziel sein, so konzentriert wie bei jedem anderen Radrennen am Start zu stehen.“


Das Team XDS-Astana bei der Tour de France 2026:
Davide Ballerini
Aaron Gate
Sergio Higuita
Max Kanter
Harold Tejada
Mike Teunissen
Simone Velasco
Nicolas Vinokurov