In Barcelona startet Felix Großschartner (UAE Emirates XRG) in seine vierte Tour de France. Zum dritten Mal geht es für den Österreicher an der Seite von Tadej Pogacar ins Rennen. Pogacar könnte Tour-Geschichte schreiben, möchte seinen Titel verteidigen und den fünften Gesamtsieg einfahren. Damit würde er mit den Rekordhaltern gleichziehen.

Es warten anstrengende Tage auf Felix Großschartner, dessen Helferdienste nicht nur in den Bergen, sondern auch in den hügeligeren und flacheren Abschnitten gefragt sind. Vor dem Grand Depart sprach CyclingMagazine mit dem 32-Jährigen.


CyclingMagazine: In Barcelona beginnt in wenigen Tagen deine vierte Tour de France. Wie viel Anspannung und Nervosität baut sich noch auf bis es endlich losgeht oder ist das schon alles Routine?

Felix Großschartner: Man ist nervös, das ist aber auch natürlich. Die Anspannung im Körper ist zu spüren und speziell die letzten Tage hört man in sich und seinen Körper, ob auch alles passt. Ich denke, dass ist aber auch ganz normal und ich brauche auch die Anspannung, um mehr Fokus zu erzeugen. Die Tour de France ist die größte Veranstaltung im Radsport und da ist es auch völlig normal, dass da Nervosität mitschwimmt.

CM: Dein Team stellt den Titelverteidiger und auf seinen Schultern wird wohl der ganze Druck lasten. Wie geht Tadej mit diesem Druck um, du hast ja schon drei dreiwöchige Rundfahrten mit ihm als Kapitän bestritten?

FG: Er hat die MögMöglichkeit, das fünfte Mal die Tour zu gewinnen. Ich kann zwar auch nicht in ihn hineinschauen, aber es wirkt so, als könnte er den Druck ganz gut händeln. Natürlich ist er auch nervös und angespannt. Das ist nicht anders, auch wenn du der beste Radfahrer der Welt bist. Die leichte Nervosität ist wichtig und unser Antrieb, dass wir so wenig Fehler wie möglich machen. Mir ist aufgefallen, dass Tadej, sobald es losgeht, voll in den Flow kommt und das färbt sich auch auf uns ab.

Pogacar und Großschartner
(Foto: ©CorVos)

CM: Was werden Deine Aufgaben bei der diesjährigen Tour de France sein?

FG: Ich bin der Mann der Mitte, der im Flachen kontrollieren kann, aber auch in den Anstiegen für Tempo sorgt. Für das absolute Finale in den Bergen haben wir ja Isaac Del Toro und Adam Yates. Brandon McNulty, Tim Wellens und ich werden die Arbeit davor machen. Ich versuche, so lange es geht dabei zu bleiben, aber ich bin nicht der absolut letzte Mann, denn da gibt es stärkere Kletterer dafür.

CM: Tadej hat in diesem Jahr zum ersten Mal Mailand-Sanremo gewonnen, wo er im chaotischen Finalverlauf nach einem Sturz doch noch zurückfand ins Rennen und gewinnen konnte. Du zähltest zu jenen Helfern, die ihn wieder rangebracht haben und denen er auch als erstes dankte im Ziel. Ist das etwas, dass ihn besonders auszeichnet, dass er einfach genau in jenen Momenten auch unterstreicht, dass es eben kein Einzelsport ist?

FG: Er ist ein riesiger Champion, aber auch ein Teamplayer, der seine Teamkollegen schätzt. Es muss sich gar nicht immer alles um ihn drehen, auch im Training und der Vorbereitung. Da ist er selbstlos, er schaut eher, dass es für alle perfekt passt und nicht nur für ihn. Das rechne ich ihm auch hoch an und zeichnet ihn aus.

CM: Worauf freust du dich bei dieser Tour am meisten, was bereitet dir am meisten Sorgen?

FG: Die Tour ist unser größtes Event und immer etwas Besonderes. Da Dabeizusein sorgt für Extramotivation. Aber es ist auch das stressigste Rennen, wo viel passieren kann mit Stürzen, oder man ist unaufmerksam und verpasst eine Situation. Du musst drei Wochen hochkonzentriert sein.

CM: Wie sieht für dich eine durchschnittliche Etappe so aus?

FG: Ich schaue immer, dass ich eine eigene Routine reinbekomme in meinen Tourtag. Wenn ich aufwache, dann mache ich mir einen Kaffee selbst im Zimmer und das ist so mein eigener Moment am Tag. Diese Viertelstunde verbringe ich für mich, telefoniere mit meiner Frau oder spiele am Handy und entspanne, bis es dann zum Frühstück geht. Dann geht es für uns eh zum Start, dort mache ich immer gerne zum Aufwärmen noch im Bus ein paar Übungen. Dann folgt die Etappe und vom Ziel geht es mit dem Bus wieder ins Hotel. Danach warten die Massage und das Essen und oft dauert es bis fast Mitternacht, bis du das erste Mal am Zimmer bist.

CM: Wie gefährlich kann Woche eins für die Gesamtwertung werden?

FG: Die erste Woche ist immer gefährlich für die Gesamtwertung, du musst an den wichtigen Stellen vorne sein, musst ohne Sturz durchkommen. Das Teamzeitfahren wird das Klassement nicht entscheiden, aber es ist ein harter Start. Auch der Tourmalet ist noch in der ersten Woche und da ist es wichtig gut in die Tour zu kommen und das die Form stimmt.

Tadej Pogacar
(Foto: © Cor Vos)

CM: Als Helfer steht der Kapitän im Vordergrund. Wie schwer ist es, alle seine Ergebnisse für einen Mann zu opfern?

FG: Der Kampf um Gelb ist groß und ich opfere meine Ambitionen für diese Ergebnisse. Meine Eigenschaften, die ich für Tadej ins Spiel bringen kann, sind aber der Grund dafür, dass ich überhaupt in meinem Team fahre und für die Tour de France ausgewählt bin. Meine Aufgabe ist es Tadej so gut wie möglich zu unterstützen und ihm helfen für seinen fünften Toursieg. Das ist auch mein Anreiz und mein Antrieb und wenn man sich so gut mit seinem Kapitän versteht, dann macht man das auch gerne.

CM: Was ist deine bislang schönste Tourerinnerung und was die schlimmste?

FG: 2022 war meine letzte Tour mit Bora – hansgrohe und es lief so überhaupt nicht für uns. Als dann Lennard Kämna die Etappe gewinnen konnte, das war echt eine schöne Erinnerung. 2023 wurde ich mit Tadej Zweiter und Adam Dritter. Wir haben drei Etappen gewonnen, sind die Berge von vorne gefahren und dann erfährst du über Funk, dass wir den Tag gewonnen haben.

CM: Welchen Faktor spielen die Harmonie und das Zusammenleben im Team bei der Tour de France?

FG: Das Verständnis untereinander muss gut sein, weil man einen Monat zusammen verbringt und auch die Emotionen mitschwingen jeden Tag. Wir kennen uns gut, sind zusammengeschweißt und Jeder kann sich auf Jeden Verlassen.

CM: Vergleicht man euren Tourkader mit jenen von vor einem Jahr, so sieht es aus, als würde man ein bisschen mehr auf flache und hügelige Abschnitte achten. Gibt es dafür einen Grund?

FG: Wir sind eher breiter als weniger berglastig aufgestellt. Unter Anführungszeichen haben wir einen Mann mehr mit für das Flache als vor einem Jahr. Es gibt gewisse Schlüsselstellen, wo du gut positioniert sein musst und da ists für einen Rouleur leichter als den reinen Bergfahrer.

CM: Vielen Dank und viel Glück für die nächsten Wochen!