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Führungsschwäche bei Red Bull?

Evenepoel voraus
(Foto: ©CorVos)

Das große Thema der Pyrenäen-Etappe war Remco Evenepoels Kritik an Florian Lipowitz. Der Belgier zeigte sich enttäuscht, dass der Deutsche ihm kein Leadout beim Sprint um Rang drei fuhr. Remco Evenepoel ist hyper-ehrgeizig, das zeichnet ihn als Athleten aus. Immer wieder treten aber auch seine Schwächen zutage. Auch während dieser Tour de France. Das kann schnell zum Problem werden, wie schon bei seinem vorherigen Team. Der frühere QuickStep-Teamchef Patrick Lefevere schrieb über Evenepoel, dass dieser der „Alpha-Mann unter den Alpha-Männern“ sei. Lefevere weiß, wovon er spricht, betreute Evenepoel viele Jahre.

Evenepoels Ehrgeiz und Führungsanspruch sind an sich kein Problem. Doch man muss als Team damit umgehen können, diesen auch lenken. Die Folgen sollten Evenepoel klar sein, wenn er im Interview seine Enttäuschung über das Verhalten seines Teamkollegen ausdrückt. Vor allem in der Situation des Teams – mit einer Doppelspitze, über die seit Monaten diskutiert wird. Ein Satz direkt im Ziel, kurz nach Etappenankunft, wird dabei sicher anders gewertet, als eine Aussage einige Minuten nach Etappenankunft – wie dies nach der Tourmalet-Etappe war.

Evenepoel kann durchaus den Wunsch äußern, dass Lipowitz ein Leadout fährt. Die Entscheidung sollte aber nicht er oder Lipowitz treffen, sondern die Sportliche Leitung. Evenepoel sprach davon, dass er Lipowitz bei der Katalonien-Rundfahrt auch geholfen habe – spricht also Lipowitz direkt an, fordert eine Gegenleistung ein. Er muss das aber gar nicht. Denn die Entscheidung sollte die Sportliche Leitung treffen, nicht Evenepoel oder Lipowitz. Es sei denn, die Verbindung zur Sportlichen Leitung funktioniert nicht – dann müssen die Fahrer die Entscheidungen treffen. Die Mannschaft versuchte, den Konflikt humoristisch (vermutlich) mit einem Video bei Social Media zu entschärfen. Alles prima, gar kein Thema, alle lächeln – so könnte man es deuten. Natürlich haben die Fans direkt den legendären Movistar-Dreizack vor Augen, die nur beim Lächeln für die Fotos harmonisch agierten.

Selbstverständlich kann man die Frage stellen, ob es nicht taktisch sinnvoller gewesen wäre, dass Lipowitz zumindest solide mit durch die Führung geht, am letzten Anstieg. Denn dann hätte man auch Vingegaard wieder einholen können und würde weiter um Rang zwei fahren. Hierzu kann man unterschiedlicher Auffassung sein. Evenepoels Kritik daran wäre durchaus nachvollziehbar, hat er doch die meiste Arbeit gemacht. Aber sich auf das Leadout im Finale zu konzentrieren, wo er um Rang drei gegen den ausgeruhten Del Toro sprintet – und Lipowitz damit eventuell riskiert, ein paar Sekunden Abstand zu bekommen – klingt eher nach reinen „Alpha-Mann“-Gedanken, als langfristig strategischen Überlegungen für das beste Teamresultat.

Remcos Schwäche

Die große Mediengeschichte war Evenepoels Aussage in Richtig Lipowitz – natürlich! Seit Monaten wird diskutiert, wie diese Doppelspitze funktionieren kann, da waren diese Aussagen natürlich der erhoffte Treibstoff aller Medien. Dass Evenepoel so etwas öffentlich äußert, kann man kritisieren, seine sportlichen Schwächen offenbarte er aber während der Tourmalet-Etappe auch. Das blieb überwiegend unbeachtet.

Bergauf war er bockstark! Fuhr sein Tempo am Tourmalet und lag nur wenige Sekunden am Gipfel zurück, obwohl alle absolut Vollgas gaben. Das war sehr beeindruckend! Aber Evenepoel machte direkt am Anfang der Etappe einen bedeutenden Fehler. Als Pedersen um Grün fuhr, UAE keinen Visma-Fahrer weglassen wollte und das ganze Peloton Vollgas in Richtung Zwischensprint schepperte – wo so ziemlich jedem im Feld klar gewesen ist, was gerade los ist – legte Evenepoel eine Toilettenpause ein. Das Ergebnis war klar und im TV gut sichtbar: Seine Teamkollegen mussten sich zurückfallen lassen und mit viel Kraftaufwand die Lücke schließen. Ein Fehler, der einem erfahrenen Mann und Teamleader nicht passieren sollte. Es ist zu hoffen, dass sich Evenepoel bei seinen Teamkollegen dafür entschuldigte und sich dankbar zeigte – denn das war für die Helfer eine schmerzvolle Angelegenheit zu Beginn einer sehr heftigen Pyrenäen-Etappe!

Reaktion der Teamleitung

Trägt man die Geschehnisse dieses Tages zusammen, ergibt sich kein gutes Bild des Teams. Stark sind die Kapitäne und auch die Helfer machen einen soliden Job. Doch der eine Kapitän kritisiert den anderen Kapitän, weil er nicht dessen Bitte erfüllte – obwohl das klar Entscheidungshoheit der Sportlichen Leitung ist. Dazu macht Evenepoel einen Anfängerfehler und verschleißt die Helfer. Es stellt sich die Frage, wie gut die Mannschaft gesteuert wird, wie gut sie wirklich zusammenarbeitet. Oder kocht Evenepoel sein eigenes Süppchen? Auch das wäre wohl nicht im Interesse der Sportlichen Leitung. Florian Lipowitz ist nicht der Typ Leader, der klare Ansagen macht und die Renntaktik der Mannschaft selbst bestimmen möchte. Dafür hat er auch zu wenig Erfahrung und ist selbst taktisch eher auf Hilfe angewiesen. Evenepoel war bei QuickStep stets alleiniger Leader, mit hohem Anspruch und nicht bei allen Teammitgliedern als angenehmer Kapitän gesehen. Keine natürliche Kapitänsfigur, vielleicht eher Typ Alpha-Männchen.

Die Teamleitung bei Red Bull-Bora-hansgrohe muss zusehen, dass sie die Mannschaft als echte Einheit führen, die Rollen jeweils klar machen und auch den Helfern das Gefühl geben, dass gemeinsam die hochgesteckten Ziele erreichbar sind. Da ist ganz sicher Fingerspitzengefühl gefragt, aber auch eine klare Linie. Diese ist bislang zumindest aus der Beobachterrolle nicht zu erkennen.


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