Gregor Mühlberger (Foto: Reinhard Eisenbauer/Cycling Austria)

“Jungs, wir schaffen das“, schallte kurz nach dem Start der letzten Etappe der 75. Tour of Austria durch den Funk des österreichischen Nationalteams. Der Signalgeber saß aber nicht im Auto, sondern fuhr in der vordersten Reihe des Rennens mit Gregor Mühlberger. Am ersten Tag der Rundfahrt eroberte der 32-Jährige, der ganz kurzfristig in das heimische Aufgebot gestoßen war, das Führungstrikot und gab es bis Wien nicht mehr her.

Damit schrieb der in Haidershofen aufgewachsene Niederösterreicher nicht nur ein neues Kapitel seiner sportlichen Karriere, sondern auch eines für den österreichischen Radsport. Denn lange 13 Jahre vergingen seit dem letzten Sieg eines Österreichers bei seiner Heimrundfahrt. Noch länger muss man zurückblicken, wenn der letzte Sieg eines Nationalteamfahrers bei der Tour of Austria gesucht wird. Genau gesagt 32 Jahre. Damals war es Harald Morscher, späterer Profi bei Saeco oder der Equipe Nürnberger, der sich im Landestrikot als Gewinner präsentieren durfte. Mühlberger war damals erst wenige Monate alt.

“Es ist definitiv einer meiner größten Siege meiner Karriere und sicherlich einer der emotionalsten“, berichtete der frischgebackene Tourgewinner. Die zwei Etappensiege und der Gesamterfolg ließen den Frust vergessen, den die Nichtnominierung für die Tour de France hinterließ. Denn sein eigentlicher Arbeitgeber, das französische Team Decathlon CMA CGM, hatte den 32-Jährigen zur Vorbereitung auf die Tour ins Höhentrainingslager geschickt.

Trotz toller Form kein Platz in Decathlons Touraufgebot

Als einer der wichtigsten Helfer führte er im Mai seinen Landsmann Felix Gall auf das Podium beim Giro d’Italia. Mühlberger spannte sich unermüdlich vor Gall, war in den Bergen stets an seiner Seite. Fähigkeiten, die er nur zu gerne in die Tour de France mitgenommen hätte, diesmal für das französische Wunderkind Paul Seixas. Doch sein Team entschied gegen Mühlberger, der sicherlich mit der spontanen Tourvorbereitung auf Vieles verzichtete.

“Es ist eine enorme Genugtuung, nachdem ich nicht damit gerechnet hatte, nicht bei der Tour de France starten zu dürfen. Ich war mental zerstört. Dann habe ich die Chance bekommen, mit einem Superteam hier an den Start gehen zu können“, erzählte der 32-Jährige, für den im Nationalteam kurzfristig ein Platz geschaffen wurde. Denn erstmals nach einer Pause von 22 Jahren stand überhaupt wieder ein Nationalteam am Start der Rundfahrt, gespickt mit vielen jungen Talenten wie Valentin Hofer, Alexander Hajek oder Sebastian Putz.

“Wir wussten, als wir erfuhren, dass Gregor ins Team kommt, dass wir um den Gesamtsieg fahren können“, berichtete der Olympiateilnehmer Paul Verbnjak. Im Winter absolvierte er die Bewerbe im Skibergsteigen, fuhr eineinhalb Jahre bei Lidl – Trek in deren Development-Mannschaft. Auch er bekam durch das Nationalteam eine neue Chance, wieder an der Tour of Austria teilzunehmen.

Die Fahrten des feinen Kerls sorgten für Gänsehaut bei den Teamkollegen

“Ich hatte jeden Tag eine Gänsehaut. Du weißt natürlich nie, bei einer so bunt zusammengewürfelten Auswahl, wie es geht, aber es passte perfekt und wir konnten bis Wien unseren Fokus behalten“, fügte er an. Mit Mühlberger teilte sich der Skibergsteiger die Zimmer während der Rundfahrt. “Gregor ist ein unglaublicher Leader, weil er einfach eine riesige Wertschätzung für jeden Helfer hat. Es ist cool, solche Leader zu haben. Er ist echt so ein feiner Kerl, auch abseits des Rennens“, so Verbnjak.

Man muss schon länger zurückblättern, ehe man das letzte Rennen findet, wo Mühlberger als Kapitän am Start stand. Jahrelang verdingte er sich als Helfer, hatte auch gesundheitlich schwarze Zeiten zu überstehen. 2021 bremste ihn eine Gehirnhautentzündung und warf ihn länger zurück. Fünf Jahre verbrachte er in Spanien, bei Movistar, bestritt viermal die Tour de France dabei, immer als Helfer. Im Winter folgte der Wechsel, auch für eine neue Perspektive, als Edelhelfer für seinen Landsmann Felix Gall. Mit diesen feierte er im Mai den zweiten Platz der Gesamtwertung beim Giro, eigentlich sollte Mühlberger seine Chance bei der Tour de Suisse bekommen als Kapitän danach. Doch die Veränderung seiner Pläne durch einen möglichen Tourstart in Frankreich, ließen diese Chance platzen. Nun konnte er dies in Österreich nachholen.

„Es war mein Plan, die Rundfahrt zu gewinnen. Ich bin nicht hergekommen, um Top Ten oder Top Fünf zu werden. Ich bin in Topform, ich habe in der Vorbereitung für die Tour de France alles richtig gemacht, deshalb freut es mich, dass ich das hier bestätigen konnte“, freute sich Mühlberger, der vor allem auch viel Zuspruch vom Streckenrand bekam. Denn nur unweit der vorletzten Etappe war er aufgewachsen, zahlreiche Mübsi-Schriftzüge wurden mit Kreide auf die Straßen gemalt und nach der Siegerehrung tauchte er in die Arme der vielen Bekannten und Verwandten in Steyr ein.

Ein österreichisches Radsportmärchen

“Das ist schon wirklich ein Radsport-Märchen, dass sich mit ihm jetzt die Woche entwickelt hat“, berichtete Hajek, der vor dem Start von Mühlberger eigentlich als nomineller Leader für das Team vorgesehen war. Der Niederösterreicher kämpfte aber noch mit seiner Form nach der Tour de Suisse, war deshalb auch nicht unglücklich, dass ein größerer Name für ihn in die Bresche sprang.

“Ich bin happy, dass ich ein Teil dieses Mega-Erlebnisses sein durfte. Ich kenne Gregor länger, bin einige WorldTour-Rennen mit ihm gefahren. Er ist erfahren, hat ein sehr gutes Auge was passiert und er ist auch ein toller Leader, weil er es extrem schätzt, wenn man seine eigenen Chancen für ihn öffnet“, so der junge Niederösterreicher, für den Mühlberger in seiner Jugend schon ein Vorbild war.

2014 gewann Mühlberger als jüngster Fahrer in der Geschichte den Titel des Glocknerkönigs, der im internationalen Radsport zwar zumeist unbekannt und eher unbedeutend ist, in Österreich aber eng mit der Geschichte der Rundfahrt verknüpft. Denn die Namen der Gewinner, welches sich in den meisten Fällen auf jenen Fahrer bezog, der als erstes den höchsten Pass Großglockner im Rennen überwand, werden vergessen. Oft wurde ein heimischer Glocknersieger mehr gefeiert, als ein ausländischer Rundfahrtsieger.

Mit dem Etappensieg am zweiten Tourtag auf der Franz-Josefs-Höhe, ein Anstieg auf über 2.300 Meter auf einer Stichstraße, die zur Glocknerstraße gehört, sicherte sich Mühlberger erneut diesen Prestige-Titel, zwölf Jahre, nachdem er ihn erstmals gewinnen konnte. “Ich hatte die Chance mit einem Superteam hier zu starten und auch Dank der Teamleistung war der Sieg möglich. Ich bin mir sicher, dass dies mein bislang schönster Erfolg ist“, versicherte Mühlberger abschließend. Seinen Sieg konnte er ein wenig in Wien feiern, wobei der Fokus nun schon wieder auf das nächste Highlight gelegt sein wird, die Vuelta a Espana, wo er erneut für Felix Gall in die Pedale treten wird in seiner Rolle als Edelhelfer.