Interview: Valentina Cavallar und SD Worx – Protime mit einem großen Tourziel: “Wir wollen mit Anna aufs Podium“

In ihre dritte Tour de France Femmes geht am Samstag die 25-jährige Österreicherin Valentina Cavallar. Nachdem sie ihr Heimatland bei den Olympischen Spielen im Rudern schon vertrat, entschied sie sich 2023 zu einem Wechsel zum Radsport. Mit ihrer Unterschrift beim französischen Team Arkéa B&B Hotels vollzog sie diesen Ende März 2024 und zeigte vor allem an langen Anstiegen mehrmals groß auf. So gewann sie 2025 den Alpes Gresivaudan Classic in Frankreich und landete sowohl 2024 als auch 2025 unter den besten Drei der Gesamtwertung bei der Pyrenäen-Rundfahrt. Im letzten Winter wechselte sie zum niederländischen Team SD Worx – Protime, wo sie vor allem als Berghelferin für die erfahrene Anna van der Breggen fungiert, die in diesem Jahr die Tour am Podium beenden möchte.

CM: Valentina, dein Motto lautet: Gib Alles, damit du später nichts bereust. Stammt das noch aus deiner Ruderzeit und auch den Wechsel zum Radsport hast du noch nicht bereut?

Valentina Cavallar: Nein, überhaupt nicht und er stammt wirklich noch aus meiner Zeit als Ruderin.

CM: Wenn du etwas zurückblickst, hättest du gedacht, dass alle Schritte so fallen, wie sie nun gefallen sind?

VC: Natürlich war es meine Wunschvorstellung den Schritt zur Profiradfahrerin zu schaffen, aber in dieser Art und Weise habe ich mir das nicht gedacht. Es war natürlich ein etwas holpriger Beginn, da ich lange versucht habe, als Quereinsteigerin zu einem Team zu kommen. Irgendwie im Radsport Fuß zu fassen, habe ich mir einfacher vorgestellt. Als Spitzensportlerin hatte ich in Österreich einen Bundesheerplatz, aber durch den Wechsel der Sportart musste ich diesen aufgeben. Das war schon eine große Hürde, vor allem finanziell und dann hat es fast ein Jahr gebraucht, ehe der Vertrag stand.

CM: 2024 bist du dann deine erste Tour de France Femmes gefahren, die du auf Rang 22 abgeschlossen hast. Besonders in Erinnerung ist natürlich noch die finale Etappe hinauf nach Alpe d’Huez, wo du Siebte wurdest. Wie blickst du darauf nun zurück?

VC: Das war ein Highlight damals und die Bergetappen sind überraschend gut verlaufen. Damals hatte ich speziell bergab noch meine Probleme, aber berghoch voll dabei zu sein, war urtoll. Die Erinnerungen sind nicht vergessen und sehr schön.

CM: In diesem Winter hast du das Team gewechselt, bist erst relativ spät in die Saison gestartet, konntest aber vor allem bei den großen Rundfahrten wie dem Giro d’Italia als Neunte und der Vuelta a Espana als Zwölfte überzeugen. Wie war die erste Hälfte des Jahres für dich?

VC: Ich wollte immer schon einmal alle drei großen Landesrundfahrten bei den Frauen bestreiten. Das war zwar für dieses Jahr noch nicht geplant, aber nun hat es funktioniert. Eigentlich bin ich beim Giro schon spät in das Team gerutscht. Wir haben einen so starken Kader, da ist es nicht einfach überhaupt selektioniert zu werden. Der Giro war richtig gut und die Vuelta hätte sogar noch um einiges besser sein können. Ich habe durch einen Sturz zu viel Zeit verloren, sonst wären sich auch dort noch die Top Ten ausgegangen, was als Helferin schon beeindruckend ist.

CM: Auch bei der Tour wirst du wohl die Rolle der Helferin einnehmen?

VC: Klar, denn unser Ziel ist es, für Anna van der Breggen im Klassement zu fahren. Das bedeutet viel Energie opfern und ist alles andere als ein kleines Ziel. Wie schwierig diese Rundfahrten sind, haben wir beim Giro als auch der Vuelta erlebt, wo wir jeweils am letzten Tag die Gesamtwertung verloren haben.

CM: Wie liegt dir diese für dich doch neue Rolle als Helferin?

VC: Bei Arkéa war ich immer eher in der Leaderrolle oder eine geschützte Fahrerin. Wirkliche Dienste als Helferin musste ich dort nie leisten. Von dem her war das bei der Vuelta extrem schwierig für mich, in dieser Rolle Fuß zu fassen. Die neun Tage beim Giro haben mir da aber enorm geholfen.

CM: Dein neues Team ist gespickt mit absoluten Topfahrerinnen wie eben Anna van der Breggen, Mischa Bredewold, Lorena Wiebes oder Lotte Kopecky. Was konntest du dir schon abschauen von ihnen?

VC: Sie sind eigentlich meine großen Idole und es ist schon wirklich ein Traum in einem solchen Team Rennen bestreiten zu können. Vor allem die Zusammenarbeit mit Anna ist ein Riesenprivileg für mich, weil ich auch schon so viel von ihr in den Trainings lernen konnte, aber auch in den Rennen. Es ist sicherlich top für mich, dass ich in diesem Team lernen kann. In jedem Rennen gebe ich alles und wenn man dadurch zum Sieg beitragen kann, dann ist das ein sehr gutes Gefühl.

CM: Seit deinem neunten Platz beim Giro hast du kein Rennen mehr bestritten mit Ausnahme der Nationalen Meisterschaften im Zeitfahren. Wie hast Du den letzten Monat vor dem Tourstart nun verbracht?

VC: Ich habe vor der Tour de Suisse erfahren, dass ich die Tour fahren darf. Daher bin ich in der Schweiz nicht mehr gefahren, was eigentlich geplant war. Nach den Meisterschaften bin ich in die Höhe gegangen und wir waren drei Wochen in Livigno, mit dem Team. Das hat uns extrem eng zusammengeschweißt und kann ein wichtiger Baustein für eine gute und erfolgreiche Tour sein.

CM: In diesem Jahr warteten bei der Vuelta mit dem Alto de Angliru oder beim Giro mit dem Colle delle Finestre schon zwei richtig monumentale Anstiege. Nun steht bei der Tour der Mont Ventoux am Programm. Wie gefallen einer Bergspezialistin solche Aufgaben?

VC: In erster Linie bin ich dankbar, dass wir bei den großen Rundfahrten solche Etappenziele haben. Wenn es nach mir geht, hätte nicht nur eine solche Königsetappe, sondern ein, zwei weitere Abschnitte im Hochgebirge. Mir liegt das Bergauffahren auf langen Anstiegen und diese gleichmäßige Belastung mehr. Geht es nur kurz und knackig hoch, dann muss ich das wirklich sehr gezielt trainieren auch.

CM: Du hast dich auch im Zeitfahren verbessert. Erleben wir in den nächsten Jahren vielleicht auch einmal eine Tour mit dir als Kapitänin?

VC: Ich würde gerne sagen, dass ich mich extrem verbessert habe im Kampf gegen die Uhr, aber so ist es nicht. Die Meisterschaften in Österreich waren so meine Möglichkeit zu üben, ich konnte dort aber nicht meine volle Leistung abrufen. Das Setup hat sich zwar verbessert vom Rad, aber ich fühle mich noch nicht so wohl in dieser Disziplin. Und blicke ich auf den Rückstand, den ich dort noch habe, dann ist das noch zu viel, um gegen die stärksten GC-Fahrerinnen anzutreten. Aber ich weiß wo ich hinwill und deshalb arbeite ich gezielt an mir. Das braucht noch Zeit, aber ich möchte schon in naher Zukunft die Top fünf der Gesamtwertung anpeilen.

CM: Welche Ziele habt ihr euch als Team gesetzt und welche persönlichen Ziele verfolgst du bei der Tour?

VC: Unsere Ambitionen in der Gesamtwertung sind klar formuliert. Wir wollen mit Anna aufs Podium und deshalb gilt es für uns alle sie zu unterstützen. Meine Hauptaufgaben liegen in den Bergen an den Anstiegen. Und wenn ich meinen Job gut mache, dann hoffe ich danach auch ein gutes Ergebnis für mich einzufahren. Um wie beim Giro oder der Vuelta wieder in der Nähe der Top Ten zu kommen ist sicherlich ein schwieriges Unterfangen. Denn alle Fahrerinnen kommen zur Tour in absoluter Topform und das Rennen hat sicher das beste Feld an Starterinnen zu verzeichnen.

CM: Danke und viel Glück bei der Tour de France Femmes.