Es war sicherlich nicht das einfachste Jahr für Marlen Reusser (Movistar), doch sie rappelte sich immer wieder nach Rückschlägen auf. Die 34-Jährige ist eine feste Größe in der absoluten Weltspitze. Bei der am Samstag, ausgerechnet in ihrem Heimatland beginnenden, Tour de France Femmes zählt sie zu den absoluten Topfavoritinnen und könnte erstmals in der Geschichte den Titel in die Schweiz holen.
1950 und 1951 gewannen mit Ferdi Kübler und Hugo Koblet zuletzt zwei ihrer Landsmänner die wohl berühmteste Rundfahrt der Welt. 75 Jahre später gehört nun bei den Frauen eine Eidgenössin zu den großen Anwärterinnen auf das Maillot Jaune, eines der begehrtesten Trikots im Radsport. Zuletzt gewann sie vor einem Monat zum dritten Mal die Tour de Suisse. Die aktuelle Zeitfahrweltmeisterin gewann nicht nur den Kampf gegen die Uhr, sondern setzte sich auch im bergigen Finale in der Romandie durch.
Eine gute Fahrstunde entfernt vom dortigen Etappenziel in Villars-sur-Ollons, in Lausanne, erfolgt der Startschuss in die fünfte Tour de France der Frauen. Schon vor einem Jahr zählte Reusser dort zu den Kandidatinnen auf eine absolute Topplatzierung, doch involviert in einen Massensturz und geplagt von einer Magen-Darm-Grippe musste sie schon am ersten Tag aufgeben.

Erst bei den Weltmeisterschaften in Ruanda kehrte sie zurück, wurde souverän Weltmeisterin im Einzelzeitfahren. Ein Defekt verhinderte eine zweite Goldmedaille in der Mixed-Staffel und das Straßenrennen brachte einen neunten Platz.
Gleich der Auftakt in die neue Saison brachte eine erneute Zwangspause durch einen Sturz. Reusser gab ihr Comeback mit einem Sieg bei Dwars door Vlaanderen, wenige Tage später bei der Flandern-Rundfahrt folgte die nächste Ernüchterung. Wieder bremste sie ein Sturz aus, zwei Rückenwirbel waren gebrochen und anstatt Rennen war eine lange Rehabilitation angesagt.
Fehlende Muskelkraft noch beim Giro d‘Italia
Die eigentlich geplante Rückkehr bei der Vuelta a Espana verschob die Schweizerin, stieg beim Giro d’Italia wieder ins Renngeschehen ein. „Die Saison ist anders gelaufen als gewünscht und ich musste viel anpassen und adaptieren. Eigentlich hatte ich mir einen anderen Verlauf vorgestellt“, erklärte die Schweizerin vor dem Tourstart in Lausanne in einem Pressegespräch.
Es fehlte ihr noch an Power, was sie vor allem am Schlusstag des Giro feststellen musste. Von Krämpfen geplagt verlor sie 15 Minuten auf die Siegerin, büßte ihren starken fünften Rang im Gesamtklassement noch ein. Knapp zwei Wochen später bei der Tour de Suisse zeigte sie sich aber wiedererstarkt. „Ich musste zuerst verstehen, woran ich beim Giro noch zu kämpfen hatte. Im Endeffekt war ich muskulär noch nicht auf dem Level. Die Steigerung lag aber bei 300 Prozent wenn ich die beiden Rennen vergleiche“, befand Reusser, die mithilfe der Osteopathie ihre beengten Nerven und gereizt und angeschwollenen Muskeln nach dem Giro lösen konnte.

(Foto: Ivan Benedetto/SCA / © Cor Vos)
Am Samstag startet dann das Saisonhighlight der Frauen in Lausanne. Die Schweizerin blickt freudig auf den Heimstart, nicht nur die erste, sondern auch die zweite Etappe sind in der Westschweiz verankert. „Es ist das erste Mal für mich, dass ich die Tour so als Ziel ins Auge fasse“, verriet sie. Die Auftaktetappen sei sie alle schon abgefahren, mehrmals sogar und sie weiß: „Der Parcours wird eine Herausforderung sein, weil viele der Landstraßen echt schmal sind. Außerdem ist die Tour zu Beginn sowieso hektisch, weil es halt das Radrennen des Jahres ist und alle nervös sind.“
Den finalen Schliff für die Tour holte sie sich in ihrer neuen Wahlheimat Andorra, allerdings im Teamhotel auf über 2.000 Meter und nicht in der privaten Wohnung, die deutlich unterhalb angesiedelt ist. „Wir waren gemeinsam mit den Männern dort, die sich auf die Vuelta vorbereiten. Das Ziel war ein sauberer Block vor der Tour“, erklärte sie. Am Weg in die Höhe inspizierte sie auch den Zeitfahrparcours in Dijon. „Die Anfahrt zum Berg ist ziemlich technisch und es geht andauernd hoch und runter. Wenn du physisch richtig stark bist, dann kannst du bei diesem herausfordernden Zeitfahren richtig viel Zeit rausholen„, ist sich die 34-Jährige sicher.
Respekt vor dem windigen Giganten der Tour de France
Ihre Form sollte zum Start wieder sehr gut sein, was Reusser auch auf ihre starken regenerativen Fähigkeiten zurückführt. „Irgendwie verheilen Verletzungen schneller bei mir und auch Trainingsblöcke schlagen schnell an. Die Vorbereitung war intensiv, weil ich eben nicht so angekommen bin, wie ich wollte. Manchmal musst du aber eben mehrere Schritte machen und es nehmen, wie es kommt“, so die Schweizerin.
Das große Highlight der Tour de France Femmes 2026 wird das Bergfinale am Mont Ventoux sein, welcher am siebten Tag am Programm steht und das Klassement vorentscheiden sollte. „Ich habe viel über den Berg gehört und auch meine Eindrücke schon gesammelt. Ich finde, er passt mir sehr gut, aber es kommt halt auch darauf an, wie die Woche läuft“, analysierte Reusser, die eines nicht fürchten muss, nämlich die Abfahrt vom windigen Giganten der Provence. Denn diese flößte ihr bei der Besichtigung einiges an Respekt ein: „Das Gefühl beim Runterfahren war echt mulmig, weil ich mich durch den starken Wind fast nicht am Rad halten konnte. Einmal hoch hat gereicht für mich beim Recon.“
Dass sich die Tour dort entscheiden könnte, ist der Schweizerin klar: „Die Beste wird oben als Erste ankommen.“ Während bei den Männern die Favoritenrolle bei der abgelaufenen Tour sehr klar verteilt war, ist dies bei den Frauen anders. Mit Demi Vollering (SD Worx – Protime), Kasia Niewiadoma (Canyon//SRAM) und Pauline Ferrand-Prévot (Visma – Lease a Bike) stehen die Siegerinnen der drei Austragungen im Starterfeld. Reusser erinnerte daran, dass die französische Titelverteidigerin fast niemand am Zettel hatte vor einem Jahr.
Gewicht bleibt weiter ein Thema im Frauenfeld
„Sie kam direkt aus der Höhe und war relativ überlegen. Ich weiß selbst nicht, wo sie jetzt steht. Ich spreche nicht viel mit den anderen, ich gehe davon aus, dass sie fit sind. Den Zustand der Kontrahentinnen findest du sowieso im Rennen raus“, so die Movistar-Kapitänin, an der auch die Diskussionen über Ferrand-Prévots Gewichtsverlust für den Toursieg 2025 nicht spurlos vorbeigingen. „Sie wirft Fragen auf, denen wir uns stellen müssen. Wir alle versuchen, daran zu schrauben, ich auch, aber richtig gepusht habe ich es noch nicht. Training, Essen und Gewicht begleitet uns ständig. Die Medizin ist bei diesem Thema noch hinterher und die Wissenschaft sagt, dass das sehr gefährlich sein kann. Andererseits war Pauline im letzten Jahr zwar extrem dünn, aber hatte eine hohe Performance und war nicht krank“, bemerkte Reusser.
Sie selbst hat Medizin und Sporternährung studiert, die Thematik interessiert sie sehr. „Der Körper ist so komplex und immer mehr wird aufgedeckt, aber am Ende ist auch das Gefühl wichtig. Ich würde nichts trauen, was nicht meinem Gefühl entspricht. Du kannst deinen Körper nicht zu etwas zwingen, es muss immer im Einklang sein“, schilderte sie ihre Herangehensweise an dieses Thema, welches definitiv auch bei der Tour 2026 wieder zum Thema werden könnte.


