Am 23. Januar 2016 wurden sechs Radrennfahrer des Teams Giant-Alpecin während eines Trainingslagers an der Costa Blanca frontal von einem Auto gerammt. Das Auto fuhr auf der falschen Fahrbahnseite. Es war ein Wunder, dass es keine Todesopfer gab. Der Journalist Nick Klaessens saß an jenem Tag zufällig im nachfolgenden Teamwagen und leistete einem der Radprofis lebensrettende Erste Hilfe.

Zehn Jahre später begab sich Klaessens auf die Reise, um alle Beteiligten noch einmal zu treffen: Trainer, Teamleiter, Mannschaftsärzte und nicht zuletzt die sieben Radrennfahrer, darunter große Namen wie der einstige Tour-de-France-Bergkönig Warren Barguil, Giro-Etappensieger Chad Haga und die beiden deutschen Top-Sprinter John Degenkolb und Max Walscheid. Was wissen sie noch von diesem Tag? Welchen Einfluss hatte er auf ihre Karriere? Hat er ihre Sicht auf das Leben verändert?

Nick Klaessens (Foto links) hat all dies in seinem Buch „Frontal“ zusammengefasst.

CyclingMagazine-Autor Andreas Beune hat mit ihm über sein Buch und die Geschichte dahinter gesprochen.


Sie saßen zufällig in einem Begleitwagen, als 2016 sieben Fahrer des Teams Giant-Alpecin bei einer Trainingsausfahrt schwer verunglückten und halfen bei der Erstversorgung. Kurz nach dem Unfall haben Sie darüber einen Artikel für eine niederländische Zeitung geschrieben. Wann ist Ihnen die Idee gekommen, ein Buch über den Vorfall zu schreiben?

Die Idee entstand während der Olympischen Spiele in Paris, als ich als Sportjournalist über all die Sportarten berichtete, in denen die Niederländer stark sind. Radsport zum Beispiel. Bei einem Pressetag der Frauenmannschaft – unter anderem mit Demi Vollering, Puck Pieterse und Ellen van Dijk – lief ich dem Pressesprecher Peter Reef über den Weg. Er war in 2016 Pressesprecher von Giant-Alpecin, und in der Zeit nach dem Unfall hatte ich viel mit ihm zu tun. In Paris 2024 sah ich ihn dann zum ersten Mal seit acht Jahren wieder. Bei uns beiden kam sofort unglaublich viel hoch, es war ein Gespräch, das uns Gänsehaut bescherte. Nach dieser Begegnung dachte ich: Offenbar bin ich mit diesem Thema noch nicht fertig.

Denn obwohl ich bei dem Verkehrsunfall eine bizarre und vor allem zufällige Rolle gespielt hatte, gehörte ich nicht zum Team und war auch kein Hardcore-Radsportjournalist. Also nahm ich nach den Spielen Kontakt zu Fahrern und Sportlichen Leitern auf, um herauszufinden, ob darin eine Geschichte oder vielleicht sogar ein Buch steckte. 
(Foto links: Mattias Reck)

Die Fahrer sind unterschiedlich mit den Unfallfolgen umgegangen. Was hat Sie beeindruckt? Was hat Sie überrascht?

Was mich am meisten beeindruckt hat, war wohl die Tatsache, dass die beteiligten Fahrer und anderen Teammitglieder eigentlich nie miteinander darüber gesprochen hatten. Ich kann irgendwo verstehen, dass man als Profisportler einfach weitermachen will und dass es keine schönen Erinnerungen sind. Aber man erlebt so etwas ja auch gemeinsam. Ich will das überhaupt nicht bewerten, das muss jeder für sich entscheiden, aber es hat mich überrascht. Gleichzeitig verlieh das den Interviews eine besondere Intensität. Mehrere Fahrer erzählten mir hinterher, dass sie zunächst überhaupt keine Lust auf das Gespräch gehabt hätten. Im Laufe des Interviews wurde ihnen dann bewusst, dass ich damals tatsächlich vor Ort gewesen war und ihnen auf diese Weise helfen konnte, die einzelnen Puzzleteile zusammenzusetzen. 

Zu den sieben Fahrern gehören auch die beiden deutschen Rad-Profis John Degenkolb und Max Walscheid. Was ist Ihnen aus den Gesprächen mit den beiden besonders in Erinnerung geblieben?

John ist der größte Name unter den Fahrern, die damals verletzt wurden, und er spricht selbst von einem Davor und einem Danach. Das wusste ich bereits, weil er seitdem in praktisch jedem Interview an den Unfall erinnert wird. Bei ihm ging es deshalb weniger um neue Erkenntnisse. Aber unser Gespräch hat ihn – und mich, wenn ich ehrlich bin – tief berührt.

Max Walscheid dagegen stand 2016 noch vor seinem Profidebüt und hatte gerade sein Medizinstudium unterbrochen, um Profi zu werden. Was für eine Geschichte hat er! Und wie gut er sie erzählen kann! Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass es mein liebstes Gespräch war, damals in Heidelberg. Allein dieses Kapitel wäre schon Stoff für eine Dokumentation. 

Wie sehr hat die Recherche zu diesem Buch Ihren Blick auf den Radsport verändert? Haben Sie den Eindruck, dass die Teams die Fahrer gerade bei den mentalen Langzeitfolgen angemessen begleitet haben?

Die Recherche hat mir definitiv die Augen geöffnet, wie sehr sich Radprofis mit ihrem Sport beschäftigen, was alles dazugehört und worauf sie dafür verzichten müssen. Als Fernsehzuschauer sieht man manchmal jemanden stürzen und denkt: „Autsch, das muss wehgetan haben.“ Danach denkt man monatelang nicht mehr darüber nach, bis derjenige wieder im Rennen auftaucht. Jetzt weiß ich, wie einsam es sein kann, nach einer Verletzung ins Peloton zurückzukehren. Sie trainieren nicht wirklich an einer festen Basis, wie man es aus dem Fußball, der Leichtathletik und anderen Sportarten kennt. Sie fliegen nach Hause und arbeiten dort mit einem Team aus Physiotherapeuten und anderen Spezialisten an ihrem Comeback. 

Was die mentalen Langzeitfolgen betrifft, erzählten mir die Teamärzte, dass sie den Fahrern damals zum ersten Mal angeboten haben, eine EMDR-Therapie zu machen. Sinkeldam und Kragh Andersen waren die einzigen, die dieses Angebot angenommen haben, und beide sprechen sehr positiv darüber. Heute wird eine solche Therapie schneller angeboten, erzählte man mir bei Picnic-PostNL, wie Giant-Alpecin inzwischen heißt. 

Welche Reaktionen haben Sie in den Niederlanden erhalten, nachdem das Buch dort erschienen ist?

Rund um die Veröffentlichung gab es viel Medienaufmerksamkeit, und ich bin sehr dankbar dafür, wie respektvoll die Journalisten mit dem Thema umgegangen sind. Die Reaktionen der Leser sind überwältigend. Ich habe meine Geschichte bei einigen Radsport-Stammtischen und -Cafés erzählt, und jedes Mal merkt man, wie sehr sie die Menschen berührt. Jeder Hobbyradfahrer ist irgendwann schon einmal vom Fahrrad gefallen. Im Grunde ist es auch überhaupt kein Radsport-Unfall, sondern ein bizarrer Verkehrsunfall. Und genau deshalb spricht die Geschichte eine universelle Angst an. 

Stehen Sie aktuell noch in Kontakt zu den beteiligten Fahrern oder Teammitgliedern?

Nach der Veröffentlichung in den Niederlanden bekam ich vor allem von Max und John sehr liebe und unterstützende Nachrichten. Sie hofften, dass die Geschichte irgendwann auch auf Deutsch erscheinen würde, damit sie auch die Geschichten der anderen lesen können.

Ich bin sehr stolz darauf, dass das nun so schnell gelungen ist. Außerdem halte ich regelmäßig Kontakt zu Mattias Reck, dem schwedischen Trainer, mit dem ich 2016 im Begleitfahrzeug saß. Nach meinem Vater ist Mattias, glaube ich, der netteste Mensch der Welt.

Ramon Sinkeldam war bei meiner Buchpräsentation, was ebenfalls etwas Besonderes war. Und auch Arthur van Dongen von Visma-Lease a Bike ließ mich wissen, dass er das Buch großartig findet. Dass die Beteiligten mit dem Buch glücklich sind, ist für mich das Allerwichtigste.

Vielen Dank für das Interview!


Nick Klaessens (1984) lebt als Journalist in Amsterdam. Er hat zahlreiche Interviews und Reportagen in Magazinen wie Bicycling, Vogue, Playboy und Men’s Health veröffentlicht und arbeitet inzwischen als Schlussredakteur für die niederländische Ausgabe von Runner’s World.

Das Buch „Frontal – Ein Unfall, sieben Radprofis und die Geschichte ihrer Karriere“ erschien am 19. August im Covadonga Verlag