
Die Vuelta a Espana ist neun Etappen alt und der Österreicher Felix Gall (Decathlon CMA CGM) liegt in der Gesamtwertung auf dem dritten Platz, 1:39 Minuten hinter dem Leader Enric Mas (Movistar), der nach dem Sturz von Tadej Pogacar (UAE Emirates XRG) die Führung im Klassement übernahm. Der sturzbedingte Ausstieg des großen Favoriten veränderte viel, vor allem für den Osttiroler, der nun nicht nur um das Podium kämpft, sondern sogar um einen möglichen Gesamtsieg.
“Die Hitze in Spanien zehrt und laugt aus, macht einen vor allem emotional auch leer. Ich muss ehrlich sagen, vom Gefühl her sind wir schon viel weiter in dieser Rundfahrt als erst am ersten Ruhetag. Und es ist auch schon viel vorgefallen“, schilderte Gall in einer Presserunde seines Teams am Montag und sprach dabei auch den Ausfall von Pogacar an. Durch den Ausstieg des klaren Favoriten und schon sehr souverän Führenden dieser Ausgabe, sei alles möglich.
“Und dieser Gedanken ist nicht förderlich, das haben wir am Aitana gesehen“, ließ Gall aufhorchen. Denn der Österreicher hatte am Weg hinauf zur Bergankunft sein Team voll eingespannt, wollte dort die Etappe gewinnen. Doch der Plan ging nicht auf: Anstatt Zeit auf die Kontrahenten herauszufahren, verlor er wieder einige Sekunden. Seine Attacken waren nicht wirksam genug, immer wieder geriet er auch selbst ins Hintertreffen.
Gall ist ein Fahrer, der eher ein konstantes Tempo am Berg benötigt. Weshalb ihm die Rolle des Verfolgers auch besser gefällt und gewohnt ist er sie auch mehr. “Es ist eine riesige Chance vom Papier her, was aber die Aufgabe nicht leichter macht, weil eben alle ebenbürtig sind. Natürlich kann man träumen, aber wir bewegen uns alle auf einem sehr hohen Niveau“, ging er auf das an, was ihn in den nächsten beiden Wochen erwartet, der mögliche Kampf um den Gesamtsieg.
“Schon am Sonntag hat unser Sportliche Leiter gesagt, dass aus dem Kreis von Oscar Onley, Enric Mas, Primoz Roglic und mir der Sieger dieser Rundfahrt kommen wird“, so der Österreicher, der heuer beim Giro d’Italia hinter dem Dänen Jonas Vingegaard (Visma – Lease a Bike) Zweiter wurde. Ein Ergebnis, welches er mit einem weiteren Podium bestätigen wollte, was nach der Teilnahme von Pogacar das wohl maximale Ergebnis sein konnte.
Noch wartet aber mehr als die Hälfte des Rennens auf Gall, der für einen möglichen Gesamtsieg nun aber noch Zeit gutmachen muss auf den aktuell führenden Mas, aber auch auf den vierfachen Sieger der Vuelta, Primož Roglič, der auch noch vor ihm liegt. Vor allem auch, weil in der dritten Woche noch ein über 40 Kilometer langes Zeitfahren wartet, welches so gar nicht zu den Lieblingsdisziplinen des Österreichers zählt. Es ist ihm klar, dass er dort auch noch Zeit einbüßen könnte, weshalb wohl die schweren Bergankünfte sein Terrain für Angriffe bilden müssen.
“Es ist kein Jonas dabei, kein Tadej mehr und ich muss mich an einem guten Tag vor keinem in dem Feld verstecken, wenn der Berg steil genug ist“, sagte der Österreicher selbstbewusst. Er weiß aber, dass er sich mit seinem Team cleverer anstellen muss, als zuletzt am Aitana. “Wir haben gemerkt, dass wir es zu viel gewollt haben am Sonntag. Wir hätten erst später einsteigen müssen, waren leicht übermotiviert“, gestand er.
Der Weg bis Granada ist noch weit, weshalb Gall sich nur von Tag zu Tag orientieren will. Wenn es etwas gibt, das den Österreicher stresst, so scheint das der weite Blick nach vorne zu sein. “Es tut mir nicht so gut, wenn ich daran denke, was alles sein könnte“, meinte er im Gespräch am Montag und fügte an: “Die Vuelta wird jetzt nicht von einem auf den anderen Tag entschieden werden, da in der letzten Woche noch zwei richtig heftige Bergetappen und das Zeitfahren wartet. Sie ist aber taktisch ein wenig unvorhersehbarer geworden.“
Dass ihn die neue Aufgabe, ein möglicher Gesamtsieger zu werden, auch mehr stresst, machte Gall zu keinem Geheimnis: “Es ist sicher leichter Zweiter zu werden, wenn ein Fahrer stärker ist als alle anderen. Das spielte mir beim Giro sicher in die Karten.“ Natürlich hat er das Zeitfahren auch schon in seinem Kopf, weiß, dass es gut wäre, wenn er noch Zeit auf den einen oder anderen Fahrer vor ihm gutmachen könnte. Am Papier sind dies Mas und Roglic, die auch im Kampf um die Gesamtwertung schon auf viel mehr Erfahrung bauen können als der Österreicher, der in seiner Karriere noch nie das Führungstrikot bei einer dreiwöchigen Rundfahrt trug.
Besonders die Leistungen von Mas überraschen ihn, hatte er den Spanier bei der Burgos-Rundfahrt, die Gall gewinnen konnte, noch gut im Griff: “Er hat einen großen Schritt seitdem gemacht. Dennoch ist der Druck auf seinen Schultern aktuell sicher noch größer. Er ist Spanier, es ist sein Heimrennen und er hatte eine noch nicht so gute Saison.“
Hilfreich im Kampf gegen den Spanier ist für Gall sicher auch wieder sein Landsmann und Teamkollege Gregor Mühlberger, der wie sein Kapitän auch schon wieder fantastisch unterwegs ist und selbst noch in den Top Ten der Gesamtwertung liegt. Schon beim Giro war er an den schwersten Tagen immer lange an der Seite von Gall, auch nun bei der Vuelta scheint er der absolut stärkste Berghelfer zu sein. Außerdem kennt Mühlberger den aktuellen Führenden und seine Stärken aber auch Schwächen extrem gut, wechselte er im Winter von Movistar an die Seite Galls und sollte damit eine weitere gute Karte im Kampf um einen weiteren historischen Erfolg für den österreichischen Radsport sein.

