
Das Zeitfahren am Donnerstag bei der Vuelta a Espana läutet die entscheidende Phase der letzten der drei dreiwöchigen Landesrundfahrten ein. 32 Kilometer warten in Andalusien, wenn es von El Puerto de Santa María nach Jerez de la Frontera geht. Für den Österreicher Felix Gall (Decathlon CMA CGM) ist es wohl der schwerste Tag der letzten Woche, gilt das Zeitfahren nicht unbedingt als sein liebstes Terrain, weshalb der 28-Jährige auch einiges an Zeitverlust einkalkuliert.
“Wir haben jetzt noch nicht im Detail gerechnet, aber ich denke, dass ich doch eineinhalb Minuten auf Enric Mas verlieren werde und Primoz Roglic sollte sogar noch stärker sein“, erklärte Gall am Montag, dem zweiten Ruhetag, in einer Medienrunde. Sollte seine Einschätzung eintreten, so würden ihn vor den letzten zwei schweren Bergetappen und dem kniffligen Finish am Ende der Rundfahrt in Granada wohl mehr als 3:30 Minuten auf das Rote Trikot fehlen.
Somit geht der Blick des Österreichers im Klassement eher nach hinten, als nach vorne. “Am Ende der zweiten Woche war mir wichtig Zeit gutzumachen und das ist mir bis auf Enric auch gelungen. Ich wollte aber vor allem nach hinten einen Puffer schaffen“, schilderte der Osttiroler, der in diesem Jahr schon den Giro d’Italia als Zweiter abschloss und nun auch bei der Vuelta nach drei Wochen am Podium stehen könnte.
“Es wird ein großes Finale werden, gerade der Samstag ist extrem schwer von den Steigungen. Da gibt es Potential für Veränderungen“, blickte er auf den vorletzten Tag voraus. Doch angesichts der heißen Temperaturen und den bisherigen Anstrengungen der ersten beiden Wochen erwartet Gall keine überraschend frühen Antritte im Kampf um das Gesamtwertungspodium. “Normal wird jeder schauen seine Position zu verteidigen. Ich kann mir kaum vorstellen, dass jemand besondere Risiken eingeht. Wir müssen schauen was realistisch ist“, so der Österreicher.
Denn nach dem Zeitfahren könnten die Positionen noch klarer bezogen sein, mit einem weiterhin mit über einer Minute führenden Enric Mas (Movistar) und dem vierfachen Vuelta-Sieger Primoz Roglic (Red Bull Bora – hansgrohe) als erstem Verfolger. Dahinter sollte Gall auch noch ein Vorsprung auf Richard Carapaz (EF Education – EasyPost) und Oscar Onley (Netcompany Ineos) sicher sein. “Entscheidend wird an den harten Bergetappen sein, Schwächen zu erkennen um diese zu nutzen. Aktuell führt Mas mit zwei Minuten, wie willst du das auf einem Anstieg herausfahren. Und davor zu attackieren ist einfach ein großes Risiko, auch bei der Hitze. Ich will nicht sagen, dass jetzt gar nichts mehr passiert, aber vielleicht sind auch die meisten Fahrer an der Spitze mit ihren Positionen zufrieden“, fasste der Österreicher die mögliche Ausgangslage zusammen.
Auch das Zeitfahren am Donnerstag wird an seiner Herangehensweise nicht viel verändern, denn will er Zeit gutmachen, so muss er das in den steilen Anstiegen, wo er zu den absolut Besten dieser Vuelta, aber auch der Welt gehört. Bleibt er unter den besten Drei, so wäre er der einzige Fahrer, der in diesem Jahr bei zwei Grand Tours am Podium landete, was nicht nur seine tolle Leistung aus dem Mai bestätigen würde, sondern auch seine Ausrichtung als Kapitän unterstreichen wird. Was angesichts seines noch unbestätigten Wechsels zu einer neuen Mannschaft auch ein starkes Zeichen wäre.

Mit dem Ausfall von Gregor Mühlberger, der sturzbedingt die Vuelta a Espana vorzeitig aufgeben musste, fehlt ihm auch ein starker Trumpf an seiner Seite in den schweren Tagen am Ende.
“Das war natürlich extrem schade, denn Gregor war noch stärker als beim Giro und er gab mir Selbstvertrauen im tiefen Finale, wenn er noch an meiner Seite war. Diese Sicherheit fehlt jetzt und es wird schwierig ohne ihn. Am Ende waren rund fünf Fahrer am Berg stärker als er, das war natürlich eine große Hilfe“, blickte er auf den Ausfall seines Zimmerkollegen zurück.
Ein bisschen Nervosität schleicht sich bei Gall auch noch mit der Schlussetappe ein, die durch den viermaligen Anstieg zu Granadas Stadtburg Alhambra durchaus Gefahrenpotential besitzt für die Gesamtwertung: “Eine reine Triumphfahrt ist das nicht und der Stadtkurs kann knifflig werden. Ich habe noch keine Pläne gehört, dass eventuell die Zeit für die Gesamtwertung vorher genommen wird. Dementsprechend hoch wird auch die Anspannung am Sonntag sein und deshalb warten auch wirklich vier schwere Tage noch auf uns.“

