
In den letzten Jahren entwickelte sich Österreich als kleine Talentefabrik im Radsport. Angefangen von Laura Stigger, die 2018 bei den Juniorinnen sowohl Weltmeisterin im Mountainbike als auch auf der Straße wurde, über Mona Mitterwallner bis hin zu Valentin Hofer, Heimo Fugger, Anatol Friedl oder jetzt Michael Hettegger und Niklas Wiesmayr – der rot-weiß-rote Nachwuchs zeigt, dass er auch disziplinenübergreifend für Erfolge sorgen kann. Fast alle haben ihren Weg in Richtung der Straße eingeschlagen, zeigen dennoch eine unglaubliche Vielfalt, die sie über Mountainbike, Cyclocross oder die Bahn führte.
Am Donnerstag im Rennen der Junioren könnte Hettegger für eine Straßenmedaille in Montreal sorgen. Der in diesem Monat 18 Jahre alt gewordene Salzburger sicherte sich in diesem Jahr schon Silber bei den Europameisterschaften und legte mit Silber bei den Weltmeisterschaften auf dem Mountainbike nach. Über seinen Vater kam er zum Radsport. “Als er noch Marathons fuhr, bestritt ich am Tretroller schon meine ersten Rennen mit drei Jahren, später waren es dann die Kinderrennen“, schilderte der junge Österreicher.
Mittlerweile gehört er in seiner Altersklasse nicht nur am Mountainbike zu den Weltbesten, sondern auch auf der Straße. Seit diesem Jahr erfährt er die Unterstützung von Lidl–Trek, wird im nächsten Jahr in das U23-Team aufsteigen. Nebenbei absolviert er noch seinen Schulabschluss, in Österreich die Matura. Diese macht er in Linz in Oberösterreich, nimmt dafür sogar die Unterbringung in einem Internat in Kauf, auch weil er am dort ansässigen Olympiazentrum trainiert.
„Am liebsten habe ich wirklich so einen richtig steilen Schlussberg“
Vor einem Jahr ließ er mit einer schnellen Kletterzeit am Monte Grappa aufhorchen. Als 16-Jähriger kletterte er beim Gran Premio FWR Baron Cima Monte Grappa fast schneller als das gesamte Girofeld ein Jahr zuvor hoch. Seine Auffahrtszeit war nur sechseinhalb Minuten langsamer als jene von Tadej Pogacar, laut Strava-Abgleichung. “Ich mag Berge, auch gerne mit einer schweren Anfahrt, wo es das Feld so richtig zerreißt. Am liebsten habe ich wirklich so einen richtig steilen Schlussberg“, grinste der Österreicher, der zumindest jetzt bei den Weltmeisterschaften in Montreal zahlreiche Höhenmeter am Straßenkurs vorfinden wird.
2.600 Höhenmeter warten auf den zehn Runden und 134 Kilometern des Rennens der Junioren. Je schwerer der Verlauf, desto besser werden die Karten von Hettegger. “Ich finde den Kurs richtig geil und er liegt mir richtig gut. Auch auf den kurzen Anstiegen kann sich was tun“, blickte er freudig auf die Strecke in Montreal. Aber der 18-Jährige weiß, worauf es ankommen wird am Donnerstag. “Du musst dich, solange es geht, schonen und dann All-In gehen“, erklärte er seine Taktik.
Der junge Österreicher träumt vom Titel: “Am liebsten würde ich allein ankommen.“ In diesem Jahr scheint er aber auf Silber abonniert zu sein, denn nicht nur im Mountainbike wurde er bei den Welt- und Europameisterschaften Zweiter, auch die beiden schweren Etappenrennen Ain Bugey Valromey Tour und der Giro della Lunigiana endeten für ihn auf dieser Platzierung.
Den Wechsel zwischen den Disziplinen verarbeitet Hettegger aber gut. “Ich bin den Umstieg gewohnt und absolviere eigentlich 90 Prozent meiner Trainings mit jenem Bike, mit dem ich das nächste Rennen habe. Irgendwie ist in meinem System das so abgespeichert, dass ich beides kann. Natürlich brauchst du immer ein wenig mehr Zeit, dass du dich auf das Mountainbike umstellst“, erklärte er.
Dual soll auch seine nächste Saison werden, mit Weltcupseinsätzen in der U23 an der Seite des Trek Factory Teams als auch Straßenrennen mit dem Lidl Devo Team: “Das Mountainbike werde ich mir nicht nehmen lassen, aber ich weiß, dass ich auch auf der Straße noch Erfahrung sammeln muss.“ Einen speziellen Grund, warum aktuell so viele Fahrer wie Tom Pidcock, Adrien Boichis oder auch Athleten in seiner Altersklasse so vielseitig unterwegs sind, sieht er nicht: “Es gibt einfach genug, die für mehr als eine Disziplin die Beine haben.“
Ein spezielles Markenzeichen von ihm ist der immer leicht schief getragene Helm. “Im Bauch meiner Mutter bin ich immer ein wenig auf einer Seite gelegen, deswegen ist mein Kopf hinten ein wenig zusammengedrückt. Ich habe aber kein Problem damit und mittlerweile ist es so ein Merkmal geworden, mit dem ich erkannt werde. Irgendwie muss man doch auch herausstechen“, nahm er es mit Humor.
Disclaimer: Unser Autor Peter Maurer ist ebenfalls für den Österreichischen Radsportverband tätig.

