Mit Demi Vollering hat die stärkste Fahrerin den WM-Sieg eingefahren. Das niederländische Team bereitete vor, Vollering vollendete. Oranje stellte sich uneingeschränkt in den Dienst der aktuell besten Radsportlerin und nutzte so erfolgreich die beste Option. Nachdem Vollering rund 38 Kilometer vor dem Ende angegriffen hatte, löste sie sich allein. Zwar konnten Elisa Longo Borghini, Juliette Berthet und Kasia Niewiadoma die Lücke nochmals schließen, doch am Ende behielt Vollering die Oberhand, wehrte den letzten Angriff von Niewiadoma ab und sicherte sich verdient den Sieg.
Eine andere Fahrerin war ähnlich stark wie die neue Weltmeisterin, ging aber leer aus. Die Schweizerin Marlen Reusser rollte acht Sekunden nach Vollering als Vierte über die Linie. Enttäuscht und traurig. Ein einziger Moment kostete sie das Rennen und die Chance auf eine Medaille und das Regenbogen-Trikot. „Das ist der Riesenfehler des Tages„, sagte Reusser selbstkritisch im Nachgang und erklärt die Folgen der Situation.
Der entscheidende Moment

Marlen Reusser lieferte bis drei Runden vor Schluss ein gutes und cleveres Rennen. Gut versteckt, aber weit vorn genug, um sich aus dem Schlamassel herauszuhalten. Sie wirkte stark, und das ist nach dem Rennen klar – nicht grundlos! Doch ausgerechnet im Schlüsselmoment des Rennens war Reusser nicht in Position. Puck Pieterse zog im langen Anstieg das Tempo an und bereitete den Angriff von Demi Vollering vor.
Von außen betrachtet völlig unverständlich, dass Reusser ausgerechnet in diesem Moment nicht vorn war – denn allen Beobachtern hatte sich genau dieser Angriff angedeutet. Denn dem niederländischen Team gingen die Helferinnen aus und mit einer Fahrerin wie Puck Pieterse als letzte Vorbereiterin ist dies das ideale Szenario. Es kam der erwartete Angriff, ausgerechnet Reusser aber war nicht in Position.
„Ich hatte keine Gels mehr, kein Getränk, ich musste unbedingt zur Verpflegung“, erklärte Reusser den Moment vor dem Anstieg. Dann kam die Attacke von Pieterse mit Vollering am Hinterrad – Reusser war abgehängt und nun in der Defensive. Zwar konnte sie nochmals zur Verfolgergruppe aufschließen, doch fand sie sich in einem taktischen Dilemma. „Danach war es sauschwierig. „Weil, wenn ich nicht kollaboriere, dann fährt das Ding nirgendwohin und Demi hat gewonnen“, so Reusser. Gemeint ist, dass ohne ihre Tempoarbeit die Lücke zu Vollering so groß wird, dass diese endgültig enteilt ist. Dann ginge es dahinter nur noch um Silber und Bronze, nicht mehr ums Regenbogentrikot.
Problem „Hinterfuß“
Die Schweizerin hatte im Anschluss das Gefühl, dass die Begleiterinnen ’nur um Rang zwei fahren‘, sie die meiste Arbeit machen musste und die anderen davon profitieren. „Ich fahre, und dann ziehe ich den Kürzeren und alle attackieren mich“, beschreibt sie die Situation nach dem Rennen. Genau dies passierte schon bei Rennen zuvor und eben auch im WM-Rennen in Montreal.
Reusser, die extrem tempofeste Zeitfahrweltmeisterin, gerät ins Hintertreffen, denn die Konkurrenz drängt sie zunächst in die Rolle der Nachführenden, um sie dann in den knackigen Anstiegen zu attackieren und abzuhängen. Das ist verständlich, denn nur so lässt sich eine herausragende Konkurrentin wie Reusser abschütteln. Und mit der Französin Juliette Berthet war zudem im Finale eine Fahrerin dabei, die Vollering sehr gut kennt und während der Saison als Teamkollegin gemeinsam agiert.
Für Reusser natürlich bitter und eine Zwickmühle. Setzt sie nicht nach, ist Vollering durch – fährt sie nach, wird sie attackiert. Mit diesen Problemen hatten in der Vergangenheit schon andere Fahrer und Fahrerinnen zu kämpfen, meist die physisch extrem starken. Aufgewühlt und enttäuscht, dennoch analytisch klar, bringt Reusser es in der Mixed-Zone auf den Punkt: „Hinterfuß! Selbst schuld“.
Ob Reusser die Attacke von Vollering hätte mitgehen können, wäre sie gut positioniert gewesen, bleibt Spekulation. Ebenso, wie das Rennen ausgegangen wäre, hätte sie tatsächlich dem Angriff von Vollering folgen können. Doch klar ist, durch den kurzen „dummen Moment“ (wie sie es selbst nannte) unmittelbar vor der Vollering-Attacke brachte sich Reusser in die Defensive – auf den Hinterfuß. Dieser Moment bestimmte den weiteren Verlauf ihres Rennens und nahm ihr die Chance auf den Sieg – zumindest brachte es sie in die Situation, abhängig von anderen Fahrerinnen zu sein. Mit ihrer Extraklasse und mentalen Stärke war sie dennoch nicht komplett aus dem Rennen um die Medaillen.
„Ich bin einfach weitergefahren“, sagte Reusser. Sie versuchte, das Beste aus der Situation zu machen. „Alle, mit denen ich dann unterwegs war, habe ich gefragt, ob sie helfen – aber die wenigsten waren dazu bereit“, sagte Reusser. Sie kämpfte bis zum letzten Meter, eine kleine Hoffnung war noch da. „Ich wusste, wenn sie sich anschauen, hab ich noch einmal eine Chance. Aber wenn sie weiter Vollgas geben, dann nicht.“ Sie schauten sich nicht mehr an.
UN FINAL PARA LA HISTORIA
— Eurosport.es (@Eurosport_ES) September 26, 2026
Vollering gana el mano a mano a Niewiadoma y se proclama campeona del mundo
El maillot que le faltaba a Demi 🌈 pic.twitter.com/afKR9nxEpV
Reusser beantwortete geduldig die Fragen der Journalisten, zeigte ihre Enttäuschung offen. „Ich bin jetzt 35 Jahre alt. Ich werde nicht noch 10 Mal in diese Situation kommen. Ich bin einfach enttäuscht“, sagte die Schweizerin. Ein kurzer Moment, ein kleiner Fehler mit großen Folgen in einem besonderen Rennen. Es wird vielleicht einen Moment dauern, ehe sie die Enttäuschung überwunden hat. Ein Blick auf die Goldmedaille vom Zeitfahren wird dabei vielleicht helfen.


