Zum dritten Mal in der Geschichte finden Straßen-Weltmeisterschaften im flächenmäßig zweitgrößten Land der Welt statt. Nach 1974 ist die Olympiastadt Montreal zum zweiten Mal der Gastgeber, 2003 fanden die Wettkämpfe rund 600 Kilometer weiter westlicher in Hamilton an der Grenze zu den Vereinigten Staaten statt. Im Gegensatz zu den ersten beiden Austragungen bleibt das Veranstalterland aber nicht medaillenlos, nachdem Isabella Holmgren zu Silber im Rennen der U23-Frauen am Donnerstag fuhr.

Bis zum Schluss kämpfte sie vor den begeisterten Zuschauern sogar um Gold, unterlag nur knapp im Sprint der Slowakin Viktoria Chladonova. “Es ist echt so schön, zu Hause zu fahren. Ich hoffe wir können das wieder einmal erleben“, strahlte die 21-Jährige, die aus Ontario stammt, also aus der Nachbarprovinz von Quebec. Neben British Columbia, welches an der Westküste des Kontinents liegt, sind dies die Hauptgegenden für den Radsport in Kanada.

„du musst deine Heldinnen sehen und an die Möglichkeiten glauben“

Silbermedaillengewinnerin Isabella Holmgren
(Foto: ©CorVos)

Obwohl es schon zahlreiche herausragende Erfolge in der Geschichte gab, ist Radsport eine Randsportart. Erst Steve Bauer fuhr mit seiner Silbermedaille bei den Olympischen Spielen auf die Landkarte des Straßenradsports, wenig später schlüpfte 1986 Alex Stieda als erster Kanadier in das Gelbe Trikot, Bauer gelang dies 1988 und 1990 und trug es für insgesamt 14 Tage. In letzter Zeit sorgten Hugo Houle (2022) und Michael Woods (2023) für Etappensiege bei der Tour.

Dass der kanadische Straßensport im Aufwind ist, zeigte sich vor allem mit dem WM-Sieg durch Magdeleine Vallieres vor einem Jahr in Kigali. Für die 25-Jährige endete am Samstag ihr Jahr im Regenbogentrikot.

“Es war eine wirklich tolle Reise, die nun zu Hause endete. Als Sportlerin zu Hause sich auf ein solches Highlight vorzubereiten, mit der Familie Zeit zu verbringen und auch den eigenen Sport mehr zu präsentieren war wirklich ein fantastisches Finale“, schilderte die nur unweit von Montreal in Sherbrooke aufgewachsene Vallieres (Foto links).

Die kanadischen Athletinnen und Athleten sind sich einig, dass es eine einzigartige Erfahrung bleiben wird. “Das passiert dir nur einmal im Leben, dass du bei einer Weltmeisterschaft im eigenen Land am Start stehen kannst, und es macht riesig viel Spaß. Ich weiß gar nicht wie oft ich ‚Go Canada‘ oder ‚Go Allison‘ gehört habe, entlang der Strecke. Ich konnte es gar nicht mehr zählen“, berichtete Allison Jackson, die 2023 völlig überraschend aus einer Spitzengruppe heraus Paris-Roubaix gewinnen konnte.

“Ich glaube das hat uns damals gezeigt, dass wir es auch können und nicht nur von solchen Momenten träumen müssen. Speziell bei den Frauen wächst das Niveau immer weiter. Klar, auch wir hatten Vorbilder mit Karol-Ann Canuel oder Leah Kirchmann, die beide Medaillen im Teamzeitfahren gewinnen konnten, aber im Endeffekt musst du deine Heldinnen sehen und an die Möglichkeiten glauben“, führte Jackson weiter aus.

„Wenn du dich aber mit den Besten der Welt messen willst, dann musst du nach Europa“

Vor allem der WM-Sieg ihrer Landsfrau hätte viel Visibilität erzeugt, glaubt Jackson. Mehr und mehr Nachwuchsfahrerinnen versuchen den Spuren ihrer Idole zu folgen. “Wenn du dich aber mit den Besten der Welt messen willst, dann musst du nach Europa“, weiß die Roubaix-Siegerin von 2023 und sie kennt auch die Tücken des Sprung über den Großen Teich. Denn ähnlich wie Radsportlerinnen aus Australien, Afrika, den Vereinigten Staaten oder Südamerika müssen die Kanadierinnen ihren Schwerpunkt nach Europa verlagern, sich dortigen Teams anschließen. “In Kanada ist die Kultur des Radsports nicht so verankert und es ist gar kein Vergleich, blickt man darauf, wie wenig Rennen hier junge Athletinnen und Athleten machen im Gegensatz zu Europa. Bei uns ist der Spitzensport an der Basis schon ganz anders“, so die 37-Jährige.

Der Nachwuchs müsse in Kanada weite Fahrten zu den Rennen in Kauf nehmen, weshalb die jungen Radsportlerinnen und Radsportler auch auf die Unterstützung ihrer Eltern angewiesen sind, die sie zu den Rennen begleiten und fahren: “Die jungen Leute, die uns jetzt zusehen, lernen den Sport kennen. Es ist aber auch wichtig die Eltern abzuholen, denn Radsport ist eine Familienangelegenheit.“

Aber neben der wachsenden Begeisterung fordert Jackson auch mehr Veranstaltungen. “Wir brauchen mehr Rennen, gerne auch wieder eines für die Frauen“, fügte sie an.

Über zehn Jahre lang diente Montreal schon als Schauplatz eines Weltcuprennens der Frauen, von 1998 bis 2009. Im Jahr darauf wurden die beiden Straßenrennen der Männer ins Leben gerufen, das Event der Frauen verlor Sponsoren und wurde ersatzlos gestrichen.

“Wir müssen an der Basis beginnen, das Interesse für unseren Sport wecken und dann erhöhen mehr Fahrer sowieso die Qualität des Feldes“, stimmte Hugo Houle ein. Der 35-Jährige stammt auch aus Quebec und erlebt eine richtige Heim-Weltmeisterschaft. “An Motivation fehlt es uns nichts. Normal bist du bei einer Weltmeisterschaft nicht immer in der besten Form, aber jeder von uns hat es heuer als Highlight auserkoren“, blickte er voraus.

Für ihn, aber auch für den wieder zurückgekehrten Michael Woods, der 2018 als letzter Kanadier eine Medaille im Straßenrennen der Elitemänner gewinnen konnte, wird einer der finalen Auftritte auf der ganz großen Bühne. Mit 35 Jahren wird er nicht mehr viele Saisons bestreiten. Er profitierte in seiner Karriere auch stark vom kanadischen Co-Sponsor PremierTech, welcher auch bei den Weltmeisterschaften als Partner auftritt. Angefangen von Astana über Israel bis hin jetzt zu Alpecin war das Technologie-Unternehmen bei drei WorldTeams schon als Partner, bot dort immer wieder einigen kanadischen Fahrer einen Platz.

Aber auch national fehlen die Anlaufstellen. Vor einem Jahr gab es gerade noch zwei Kontinentalteams bei den Männern, eines wurde gegen Jahresende eingestellt, das zweite firmiert als Clubmannschaft nun. Von 2011 bis 2012 war es Steve Bauer, der mit dem Team Spidertech sogar in die zweithöchste Ebene des internationalen Radsports einziehen konnte, ehe das Team mangels Sponsoren wieder verschwand. Guillaume Bovin und Houle konnten sich aus diesem heraus für weitere Aufgaben empfehlen und stehen beide noch im Aufgebot für das Straßenrennen der Männer.

Und auch in der Nachwuchsförderung gibt es Mankos in Kanada, was der neue Weltmeister in der U23, Ashlin Barry aufzeigte. Als Sohn einer amerikanischen Profifahrerin und eines kanadischen Ex-Profis entschied sich Ende 2023 für einen Nationenwechsel, auch weil er das amerikanische Nachwuchsprogramm mit seinen Renneinsätzen in Europa bevorzugte. “Das war der Hauptgrund für meinen Wechsel, ich besitze ja beide Pässe“, erklärte er nach seinem Sieg.

Wie viele Veranstalter von Titelkämpfen wird auch Kanada seine Mühe damit haben, eine sportliche Nachhaltigkeit aus dem Event zu generieren. “Dennoch ist das Event die Chance ein Momentum für die Zukunft zu erzeugen. Vielleicht hüpft nicht jeder, der die Rennen sieht aufs Bike, aber zumindest zeigen wir der jungen Generation, was es so auf der Straße gibt“, resümierte Houle abschließend. In sechs Jahren gibt es die nächsten Titelkämpfe, diesmal im Mountainbike, wo zum vierten Mal in der Geschichte Mont-Sainte-Anne in Quebec der Veranstalter sein wird. Mit sicherlich ähnlicher Zuschauerbegeisterung und ziemlich sicher einer Isabella Holmgren als Aushängeschild.