Es wird alles angerichtet sein. Die Sonne wird die türkische Riviera auf 27 Grad anheizen. Den Fahrern wird schon beim Start in Alanya eine leichte Meeresbrise um die Nase wehen. TV-Helikopter werden spektakuläre Bilder der Touristenregion in die ganze Welt liefern. Und später in Kemer werden die Hostessen neben dem Tagessieger ihr schönstes Lächeln zeigen.

So weit, so normal. Doch in der Türkei ist derzeit eigentlich wenig normal. Das gilt auch für die Rundfahrt des Landes, die Dienstag am Mittelmeer startet und am Sonntag in Istanbul endet. In eben jener Metropole, die im Sommer 2016 einer der Hauptschauplätze des Militärputsches war, dessen Folgen das Land quasi in eine Diktatur führten.

Das Chaos und die politische Willkür unter Präsident Recep Erdogan stürzt auch die Rundfahrt in eine Krise, die unter seiner Schirmherrschaft steht. Eigentlich sollte die 53. Ausgabe der Höhepunkt der Geschichte werden. Erstmals gehört das Rennen zum erlauchten Kreis der WorldTour, in der die besten Teams der Welt durch das Land rollen und kräftig die Werbetrommel rühren.

 

Die Prominenz bleibt fern

Doch statt den Stars der Szene wird man zwischen Alanya und Istanbul eher die B-Prominenz des Sports sehen. Maximal. Leopold König (Bora-hansgrohe), Jarlinson Pantano (Trek-Segafredo) und Darwin Atapuma (UAE) sind schon die größten Namen auf der Startliste.

Die meisten Teams winkten im Vorfeld ab und sprachen dabei die gravierenden Probleme in der Türkei direkt an. Marc Sergeant wollte seine Fahrer von Lotto-Soudal unter keinen Umständen in die Türkei schicken. „Im vergangenen Jahr gab es keine Probleme. Aber seitdem ist eine Menge passiert. Es gab Attacken, es gab einen Putsch. Ich habe gelesen, dass seitdem 10.000 Menschen verhaftet worden sind“, sagte der Belgier der Zeitung Het Nieuwsblad.

Erst am Montag wurde bekannt, dass der deutsche Menschenrechtler Peter Steudtner für 15 Jahre ins Gefängnis soll. Ihm wird vorgeworfen, Terroristen zu unterstützen. Im Juli war er mitten in einem Seminar vor anderen Menschenrechtlern zum Thema Stressbewältigung verhaftet worden.

 

Ein wichtiger Markt

Das deutsche Bora-hansgrohe-Team wird in der Türkei antreten. Neben dem Team von Ralph Denk sind nur noch Trek-Segafredo, Astana und UAE als WorldTour-Teams bei der Rundfahrt vertreten. Gegenüber CyclingMagazine begründete die Mannschaft den Schritt so: „Wir bestreiten generell alle Rennen die im WorldTour-Kalender aufgeführt sind. Zudem ist die Türkei ein wichtiger Markt für unseren Titelsponsor hansgrohe.“ Vor vier Jahren hatte hansgrohe eine Tochtergesellschaft in der Türkei gegründet, weil dort die Baubranche boomte.

Die Politik will Bora-hansgrohe außen vorlassen. „Wir konzentrieren uns auf den Sport. Politische Überlegungen spielen hier keinerlei Rolle“, teilte der Rennstall mit. Dass Aufnahmen aus den Rennen mit Bora-Profis zur Werbung für die Türkei genutzt werden könnten, nimmt man in Kauf.

 

Wenig Stars, trotz Termin-Verlegung

Die Renn-Organisatoren hatten alles versucht, um mehr Teams der Eliteklasse anzulocken. Schon im Winter gab die UCI bekannt, dass die Rundfahrt auf eigenen Wunsch nicht am ursprünglichen Termin im April, sondern im Oktober stattfinden soll. Offiziell begründeten die Organisatoren das Umdenken damit, dass der Termin in der Klassiker-Saison sowie kurz vor einem wichtigen Giro-Vorbereitungsrennen und damit ungünstig liege. „In der Vergangenheit haben viele Teams unsere Rundfahrt vor dem Ende verlassen. Das wollten wir verhindern“, sagte der Präsident des türkischen Radsport-Verbandes, Erol Kücükbakirci.

Doch natürlich dürfte der Verband auch auf Zeit gespielt haben, in der Hoffnung, die Lage im Land werde sich beruhigen. Das tat sie nicht. Deshalb starten neben den vier WorldTour-Teams (immerhin eine Verdopplung zum Vorjahr) nur noch neun andere Mannschaften. Damit könnte die erste Ausgabe als WorldTour-Rennen sogleich die vorletzte sein.

Zwar beschloss die UCI schon im Juni den Kalender für das Jahr 2018 und nahm auch die Türkei-Rundfahrt auf. Doch im Jahr 2019 dürfte das Rennen aus dem Kalender fliegen. Denn laut Regularien verliert ein Rennen seinen Status in der WorldTour, wenn in zwei aufeinanderfolgenden Ausgaben nicht mindestens zehn Mannschaften eben jener am Start stehen. Die Rundfahrt würde dann auf die Kategorie 2.HC zurückgestuft werden. Was Erdogan zumindest kränken dürfte.

Für die Medienarbeit hat man nun einen schlagkräftigen Partner gewonnen. Tour-Veranstalter ASO wird den türkischen Radsportverband dabei unterstützen, dass die Rundfahrt weltweit “die größtmögliche Aufmerksamkeit” bekommt.