Diese letzte Bergetappe des 102. Giro d’Italia wird mit Spannung erwartet. Denn es wird mit einem Spektakel gerechnet. Die Situation im Gesamtklassement vor dieser letzten schweren Bergetappe ist eindeutig und Richard Carapaz muss mit heftigen Attacken auf sein Rosa Trikot rechnen. Satte 5500 Höhenmeter müssen auf den 194 Kilometern überwunden werden. Es gilt, fünf Anstiege zu überstehen. Das Finale der Etappe von Feltre nach Croce D’Aune-Monte Avena ist schwer, aber seine Kontrahenten werden wohl nicht bis zu Schluss mit den Angriffen warten, sondern früh in die Offensive gehen. Es könnte eine epische Schlacht um den Gesamtsieg dieses Giro geben.

Das Gesamtklassement vor der 20. Etappe:

Gesamtklassement nach Etappe 19

 

Die Strecke

Karte der 20. Etappe des Giro 2019

Nach dem Start geht es nur wenige Kilometer flach aus Feltre hinaus. Anschließend geht es hinauf zur Cima Campo. Im unteren Teil moderat steil, warten im Mittelteil Passagen mit 10%. Hier wird sich wohl die Gruppe des Tages formieren. Gut möglich, dass es gleich heftig zur Sache geht, denn einige der Favoriten wollen sicher einen Helfer in der Ausreißergruppe platzieren. Beispielsweise Vincenzo Nibali und Miguel Angel Lopez. Sollte dabei eine Gruppe entstehen, die der Movistar Mannschaft nicht passt, werden sie sofort nachsetzen. So könnte es schon im ersten Anstieg sehr schnell werden.

 

Profil Cima Campo

Nach einer langen Abfahrt samt Gegensteigung geht es sofort wieder bergauf, sobald das Tal erreicht ist. Nun steht der schwerste Anstieg des Tages an, an dessen Gipfel die Cima Coppi Wertung abgenommen wird. Nachdem man den Gavia aus dem Parcours nehmen musste und somit nicht dort den höchsten Punkt des Rennens als “Cima Coppi” Bergwertung abnehmen konnte, ist nun der Gipfel des Manghen die Cima Coppi.

Der Passo Manghen ist steil und lang. Gut möglich, dass bereits hier einer der Favoriten All In geht. Im unteren Teil ist es noch ein unangenehmer Anstieg, im oberen Teil ist er brutal.  Vom Gipfel sind es noch rund 110 Kilometer bis ins Ziel – ausreichend Zeit, um die Gesamtwertung komplett auf den Kopf zu stellen. Die Abfahrt ist steil und lang, anschließend folgt eine Gegensteigung und dann ein kurzes Flachstück. 

Idealerweise würde bereits hier ein Fahrer Hilfe aus der Fluchtgruppe bekommen, falls er im Manghen die anderen Favoriten abgehängt hat. 

Profil des Manghen

Der dritte Anstieg des Tages beginnt etwa 75 Kilometer vor dem Ziel. Es ist der Passo Rolle, an dessen Südseite am Freitag das Etappenziel war. Nun wird er von Norden erklommen. Es ist ein langer, aber kein allzu steiler Anstieg.

Passo Rolle

Nach dem Passo Rolle folgt eine lange, aber technisch wenig anspruchsvolle Abfahrt. Dann beginnt das Finale der Etappe. Es geht von Westen zunächst über den Sattel des Croce d’Aune, dann auf der anderen Seite kurz bergab und dann rechts weg wieder steil hinauf zum Ziel.

Es ist ein heftiges Finale mit steilen Rampen. Wem hier die Kraft ausgeht, der kann einiges an Zeit verlieren. Der Kampf um das Podium dieses Giro wird erst mit dem Zeitfahren am Schlusstag enden, aber in diesen Rampen der 20. Etappe wird eine Vorentscheidung fallen.

Das Finale der 20. Etappe des Giro 2019
Finale der 20. Etappe des Giro 2019

 

Die Favoriten

Natürlich besteht die Chance, dass exzellente Kletterer aus einer frühen Ausreißergruppe durchkommen. Vielleicht auch, weil sie vom Kampf der Klassement-Fahrer profitieren. Aber es wird die große Schlacht der Favoriten erwartet und da es die stärksten Fahrer im Rennen sind, die um den Gesamtsieg kämpfen, dürfte man auch damit rechnen, dass einer von ihnen den Etappensieg holt.

Vielleicht ist es aber ein Fahrer aus dem erweiterten Favoritenkreis, der seine Chance nutzt. Hugh Carthy, Joe Dombrowski, Adam Yates, Bauke Mollema oder Ilnur Zakarin wären Kandidaten. Auch Giulio Ciccone, den Mann im Bergtrikot, darf man bei einer Ausreißergruppe fest einplanen. Er will sicher noch ein paar holen und das Trikot präsentieren. Vielleicht kann er auch seinen zweiten Etappensieg holen?

Zwischen den Top-Favoriten wird es zum Großkampf kommen. Mikel Landa wird sich in den Dienst von Richard Carapaz stellen, doch sollte dieser sich als stark erweisen, wird Landa im Finale die Chance suchen, auf Etappensieg zu fahren und sich vielleicht noch an Roglic vorbeizuschieben. 

Vincenzo Nibali ist alles wurscht, für ihn zählt nur der Gesamtsieg. Barfuß oder Lackschuh – All In, sobald er seine Chance sieht. Vielleicht schon am Manghen.

Primoz Roglic scheint nicht mehr so stark, wie zu Beginn. Doch will er diesen Giro gewinnen, muss er Zeit auf Carapaz gut machen und darf auf Nibali nichts verlieren. Er wird taktisch agieren und hoffen, dass Carapaz Schwäche zeigt. 

Richard Carapaz fährt bislang einen sensationellen Giro. Er hat zu keiner Zeit gewackelt, hat keinen Fehler gemacht, hat eine starke Mannschaft und scheint mental hellwach. Doch so langsam wird ihm klar, dass es nur noch 2 Tage sind, bis zum größten Sieg seiner Karriere. Bis zum Nationalhelden-Status in seiner Heimat. Bis in den Olymp des Radsports. Wer da keine weichen Knie bekommt, ist ein echter Champion. 

Miguel Angel Lopez wird vielleicht nicht alles riskieren um doch noch aufs Podium zu fahren. Er hat das Weiße Trikot recht sicher und auf Roglic sind es mehr als drei Minuten Rückstand. Zudem wird er im Zeitfahren nochmals verlieren. Vielleicht pokert “Superman” und versucht, sich die Etappe zu holen.

Rafal Majka, Davide Formolo, Simon Yates und Bauke Mollema scheinen nicht in der Lage, in den Kampf um den Gesamtsieg eingreifen zu können. Doch die Chance auf den Etappensieg und eine gute Platzierung in der Gesamtwertung lässt sie alles aus sich herausholen. Vielleicht könnten sie auch eine Rolle im Kampf um den Gesamtsieg spielen. Denn sollte eine  Situation entstehen, dass sie in einer Gruppe mit einem der Favoriten sind und dieser signalisiert, dass bei einer guten Kooperation der Etappensieg winkt, könnten sie den Ausgang beeinflussen. Auch wenn die Favoriten einfach Vollgas geben, es bleibt auch ein taktisches Rennen.  

 

***** Mikel Landa
****  Miguel Angel Lopez, 
*** Simon Yates, Richard Carapaz, Vincenzo Nibali
** Mikel Nieve, Koe Dombrowski, Hugh Carthy, Primoz Roglic, 
* Esteban Chaves, Ilnur Zakarin, Giulio Ciccone, Bauke Mollema, Davide Formolo, Rafal Majka

Start: 11:05 Uhr
Ziel: ~17:15 Uhr


Die weiteren Etappen:

Profil der 21. Etappe des Giro d’Italia 2019