Wer in den vergangenen Jahren den Radsport einigermaßen regelmäßig verfolgt hat, der wird nicht umher gekommen sein, eine ganz besondere Geschichte wieder und wieder gehört zu haben. Die Rede ist natürlich von Guillaume Martin, dem französischen Bergspezialisten aus dem Team Cofidis und seiner Leidenschaft für die Philosophie. Wann immer er im Bild ist, ist es meist nur eine Frage der Zeit, bis diese auf den ersten Blick untypische Verbindung hervorgehoben wird. 2019 erschien dann, erst einmal nur auf Französisch, sein Buch, was den Hype um seine Person noch weiter befeuerte. Dieses Jahr ist eben jenes Buch als deutsche Übersetzung im Covadonga-Verlag erschienen und trägt den schönen Titel „Sokrates auf dem Rennrad – Eine Tour de France der Philosophen“.

Das Buch ist sehr interessant aufgebaut, da die erste Hälfte, anders als es der Titel vermuten lässt, sich mit der Vorbereitung der Mannschaften auf die Tour de France und dem Anfang der Saison beschäftigt. Martin nutzt diesen Teil des Buches auch dazu, immer wieder in einzelnen Kapiteln mit dem Kult, der um ihn aufgebaut wurde aufzuräumen und seine Intentionen zu schildern. So versucht er den scheinbaren Konflikt von Profisport und geisteswissenschaftlicher Arbeit aufzulösen, in dem er das Einwirken des einen auf das jeweils andere beschreibt. Für ihn schließt die Leidenschaft zur Philosophie das Leben als Profiradsportler nicht aus, viel mehr nimmt sie eine erklärende Funktion ein, die das tagtägliche Plagen auf dem Rad aus einer geisteswissenschaftlichen Perspektive erklärbar und verständlich macht. Auf diesen Überlegungen aufbauend hinterfragt Martin dann auf bemerkenswert selbstreflektierte Art die Darstellung seiner eigenen Person in den Medien, die die Geschichte über den philosophierenden Radsportler immer gerne aufgreifen. Zum einen ist er sich des Umstandes bewusst, dass er es genau dieser Aufmerksamkeit verdankt, ein solches Buch schreiben zu können. Gleichzeitig sieht er sich selbst nicht als die Kuriosität, als die er aufgrund seiner zwei Leidenschaften gerne portraitiert wird, da es sich dabei nicht um eine untypische Verbindung handelt, sondern vielmehr um eine logische Verbindung.

Hier muss auch angemerkt werden, dass man der Handlung auch ohne philosophische Kenntnisse gut folgen kann. Oberflächliche Kenntnisse auf diesem Gebiet machen das Buch jedoch spannender zu lesen, da den Leser alle paar Seiten ein kleines Schmunzeln erwartet, wenn Martin das Leben bzw. Wirken eines Philosophen in den Kontext des Radsports einbaut.

Die Handlung der eigentlichen Erzählung ist um die Saison 2017 und die Tour de France in diesem Jahr aufgebaut. Ein besonders liebevolles Detail steckt hier in der Strecke, da die Etappen identisch zu denen der Tour sind. Für deutsche Leser ist das besonders schön, da die Tour in diesem Jahr in Düsseldorf gestartet wurde. Bei der Zusammenstellung der Mannschaften wird es dann aber bunter und losgelöst von der Wirklichkeit. Die Teams, im Übrigen Nationalmannschaften, setzen sich aus Philosophen aller Epochen und den bekanntesten Radsportlern des jeweiligen Landes zusammen. Nach dem sich alle Mannschaften gefunden und das Frühjahr hinter sich gebracht haben geht es dann auch schon an den Start – Einzelzeitfahren in Düsseldorf. Wer hier jetzt niedergeschriebene Etappen-Highlights erwartet wird erstmal enttäuscht sein. Das Renngeschehen wird zwar im Groben umrissen und zum Teil auch in den Vordergrund gestellt, es geht jedoch auch häufig um die Einzelschicksale der Protagonisten. Martin spielt hier gekonnt mit den philosophischen Ideologien und Lehren der teilnehmenden „Velosophen“ und schafft es so den Leser, der in der Regel irgendeinen Bezug zum Radsport haben dürfte, mit einem interessanten Renngeschehen zu unterhalten, gleichzeitig aber auch an einigen Stellen zum Nachdenken anzuregen.

Wer Lust auf ein etwas anderes radsportbezogenes Buch hat, der dürfte mit „Sokrates auf dem Rennrad“ gut bedient sein. Im Gesamten ist es eine liebevolle zusammengetragene Erzählung, die sich äußerst kurzweilig liest und demjenigen, der den Radsport einmal aus einer vollkommen anderen Perspektive erfahren möchte, auf jeden Fall viel Freude bereiten wird.

Das Buch gibt es beim Covadonga-Verlag für 14,80 € inkl. 7% MwSt. 

Über Guillaume Martin: Er ist 1993 in Paris geboren, Radprofi und Absolvent eines Masterstudiengangs in Philosophie an der Université Paris-Nanterre. Er bestreitet 2021 seine 5. Tour de France. War zwei Mal in den Top12 der Tour und gewann das Bergtrikot der Vuelta. Er ist Kolumnist für Le Monde und hat das Theaterstück »Platon vs. Platoche« verfasst, das vom Théâtre de la Boderie aufgeführt wurde. »Sokrates auf dem Rennrad« ist sein erstes Buch.