Es ist die letzte schwere Bergetappe dieser Tour de France. Der Kampf um Gelb zwischen Jonas Vingegaard und Tadej Pogačar ist in vollem Gange. Doch es ist nicht nur der Kampf um den Gesamtsieg, der vielleicht auf dieser Etappe für Spannung sorgt – es wird vermutlich auch die Entscheidung um das Bergtrikot fallen. Zwar gibt es nach dieser Etappe noch drei Zähler im weiteren Verlauf zu holen, aber möglicherweise werden die schon keine Rolle mehr spielen.

Die Situation vor der 18. Etappe ist klar – Simon Geschke führt.

1 S. GESCHKECOFIDIS64 PTS
2 J. VINGEGAARDJUMBO – VISMA52 PTS
3 T. POGACARUAE TEAM EMIRATES46 PTS
4 G. CICCONETREK – SEGAFREDO41 PTS
5 L. MEINTJESINTERMARCHE – WANTY – GOBERT MATERIAUX39 PTS
6 N. POWLESSEF EDUCATION – EASYPOST37 PTS
7 P. LATOURTOTALENERGIES35 PTS
8 T. PINOTGROUPAMA – FDJ31 PTS
9 T. PIDCOCKINEOS GRENADIERS28 PTS
10 A. PEREZCOFIDIS26 PTS

Doch schaut man auf die Etappe, wird klar – es gibt am Donnerstag maximal 50 Punkte zu holen!

Drei Bergwertungen gibt es:

Col d’Aubisque: Kat HC – 20-15-12-10-8-6-4-2
Col de Spandelles: Kat 1 – 10- 8-6-4-2-1
Hautacam: Kat HC – 20-15-12-10-8-6-4-2

Geht man die Rechnung nun ganz theoretisch an, können noch mehr als 15 Fahrer das Bergtrikot gewinnen. Denn die 50 Zähler am Donnerstag, plus die 3 Zähler bis zum Ende wären 53 erreichbare Punkte. Aber hier soll es nicht um mathematische Spielchen gehen, sondern um eine Einschätzung, wie das Rennen laufen müsste, damit Simon Geschke das Bergtrikot behalten kann.

Szenarien

Szenario 1 – ein Gruppe kommt durch

Machen also Ausreißer den Tagessieg unter sich aus, und Vingegaard und Pogačar holen keine/wenige Bergpunkte, ist das grundsätzlich gut für Geschke. Denn nur diese beiden könnten ihm mit den Etappensieg (und den damit verbundenen 20 Punkten) direkt das Trikot wegnehmen – selbst wenn sie bei den Anstiegen davor nicht punkten. Wenn allerdings Ciccone, Meintjes, Powless und Latour den Tagessieg holen, dürfen sie im Verlauf der Etappe zuvor nicht viel mehr punkten, als Geschke. Gewinnt einer dieser Herren zwei Bergwertungen, ohne dass Geschke überhaupt am Donnerstag punktet, hat er ihm das Trikot abgenommen. Im Falle von Thibaut Pinot ist es so, dass dieser zusätzlich noch am dritten Berg punkten müsste.

Die fünf genannten Herren darf Simon Geschke also besser nicht aus den Augen lassen!

Szenario 2 – Pogačar und Vingeggard kämpfen um den Etappensieg

Egal wer von den beiden die Etappe gewinnt – sammelt Geschke morgen keine weiteren Zähler, ist er das Trikot los. Kann Geschke allerdings am Aubisque Punkte holen, sieht es ganz anders aus! Geschke würde dort Rang vier am Gipfel reichen, um 10 Zähler zu holen. Dann würden er auch bei einem Etappensieg von Vingegaard das Trikot behalten. Allerdings nur, wenn dieser nicht schon an den Bergen davor punktet.

Läuft es wie am Mittwoch, und Pogačar gewinnt die vorletzten Bergwertung vor Vingegaard – Geschke hat wie angenommen für Rang vier am Aubisque 10 Zähler im Sack – verliert Geschke das Trikot dennoch, egal wer von den beiden Überfliegern dann die Etappe gewinnt. Um das Trikot zu behalten, müsste Geschke am Aubisque die volle Punktezahl holen. Oder an den beiden weiteren Bergwertungen – dies dürfte keine leichte Aufgabe sein, sollte das Rennen diesen Verlauf nehmen.

Szenario 3 – Nummer sicher

Würde Simon Geschke als Erster über den Aubisque fahren, würde er seinen Vorsprung soweit ausbauen, dass Vingegaard (er ist der direkt Verfolger von Geschke in der Bergwertung) die beiden weiteren Bergwertungen gewinnen könnte, aber ihm dennoch nicht das Trikot abnimmt. Allerdings nur, sollte Vingeggard nicht auch schon am Aubisque in den Top5 sein.

Bei Giulio Ciccone wäre es sogar so: Würde dieser als Zweiter hinter Geschke über den Aubisque fahren, dann die nächste Bergwertung gewinnen und noch die Etappe, bräuchte Geschke nur noch drei Zähler um sicher das Trikot zu behalten. Auch eher nicht das realistischste Szenario für diese Etappe, zeigt aber, dass Geschke vor allem Vingegaard und Pogačar fürchten muss.

Was ist nun die Erkenntnis?

Aus Sicht von Simon Geschke ist die Konstellation recht klar – da zu erwarten ist, dass Pogačar und Vingegaard erneut um den Tagessieg fahren, muss Geschke irgendwie am Aubisque Punkte holen. Die oben angesprochenen Fahrer darf er dabei natürlich auch nicht aus den Augen lassen. Vollgas zum Aubisque, dort mitnehmen, was man kann und dann warten was passiert. Zu versuchen eine Gruppe zu formen ist sicher kein schlechter Gedanke, aber drehen Jumbo-Visma und UAE erneut früh am Gasgriff, wird man am Ende kaum vor den beiden bleiben können.

Attackieren Ciccone, Meintjes, Powless oder Latour, muss Geschke mit – besser auch punkten! Aber in den vergangenen Tagen war es offensichtlich, dass Geschke gegen diese Herren nicht chancenlos ist. Das Polster, was sich Geschke auf diese Fahrer verschafft hat, kann extrem wertvoll sein. Denn diese vier Mann müssen in jedem Fall an mehreren Bergwertungen punkten, um an Geschke vorbeizuziehen – selbst wenn dieser auf der Etappe ganz leer ausgeht.

Es bleibt eng, und eine Prognose fällt schwer. Simon Geschke hat in den Pyrenäen extrem wichtige Punkte eingefahren und wird auch auf der letzten Bergetappe dieser Tour um jeden Zähler kämpfen. Doch es liegt nicht nur in seinen Händen, ob er das Trikot bis Paris tragen darf. Es wird spannend, und erneut ein harter Ritt!