Silvan Dillier ist einer der wichtigsten Helfer für Leader Mathieu van der Poel. Bei Paris-Roubaix stand er selbst bereits auf dem Podium, kennt die Klassiker extrem gut und verfügt über Power und Renninstinkt. Sein Saisonstart verlief nicht perfekt – er brach sich bei Kuurne-Brüssel-Kuurne das Kahnbein, musste seinen Rennplan ändern.  „Glück im Unglück war, dass ich nach dem Bruch und der OP keine Schmerzen hatte und sogar zwei Tage nach dem Unfall schon wieder draußen auf dem Rad trainiert und VO2max-Intervalle absolviert habe. Ich musste nur Paris-Nizza auslassen“, so Dillier, der bei den Klassikern dann als „Schutzengel“ wichtige Dienste leistete.

es war meine Aufgabe, der Schutzengel von Mathieu zu sein

Silvan Dillier

Ein perfektes Mailand–Sanremo

„Ich wusste für mich selbst bei Mailand–Sanremo, dass meine Form sehr gut ist und dass ich was draufhabe. Aber Training und Rennen sind eben doch ein Unterschied“, sagt Dillier rückblickend. Er war als Helfer dabei, hat geholfen die Ausreißergruppe zu kontrollieren. „Das Ziel war es, dass ich bis zum ersten Capo meine Arbeit machen soll. Das ist mir dann auch gelungen – ich konnte sogar bis zum letzten der vier Capi noch mit bei den Favoriten dabei sein. Die Cipressa habe ich dann ganz hinten im Feld in Angriff genommen und bin dann das Rennen noch bis Sanremo auf Zug fertig gefahren. Ich dachte mir, das Rennen zu Ende zu fahren, also gut auf 300 Kilometer in Renntempo zu kommen, hat auch einen positiven Effekt für die nächsten Rennen – also die Klassiker“, so Dillier über sein Rennen. Leader Mathieu van der Poel schonte sich bis zum Poggio – dann setzte er seine Attacke, zog davon und holte sich den Sieg beim ersten Monument des Jahres. Es lief nahezu perfekt. 

Sanremo-Sieger Matheu van der Poel

Eine taktisch schwache Ronde van Vlaanderen

Für die weiteren flämischen Rennen kam Dillier rechtzeitig in Schwung, war dann als Helfer voll gefordert. „Meine eine Formkurve stieg über E3 und Gent-Wevelgem weiter an. Bei der Ronde und Roubaix war meine Aufgabe, sozusagen der Schutzengel von Mathieu zu sein. Das bedeutet, dass ich versucht habe, so nah wie möglich bei ihm zu bleiben beziehungsweise immer zu wissen, wo er sich gerade befindet. Also, wenn es ein Problem gäbe, dass gleich jemand da ist und ihm helfen kann. Am Ende war ich bei der Ronde einer der letzten aus dem Team, der ihm noch zur Seite stehen konnte“, erklärt Dillier.



Doch während man bei Mailand-Sanremo oder auch dem E3-Prijs taktisch klug agierte und das Rennen prägte, gelang das bei der Flandern-Rundfahrt nicht.“Bei der Ronde sind wir taktisch schon ein ziemlich schlechtes Rennen gefahren. Das hatte mehrere Gründe. Generell will Mathieu die großen Rennen am Anfang gemütlich angehen. Also sich erst einmal in den hinteren Positionen aufhalten und stressfrei mitfahren. Die Fahrer vorne sollen unter sich ausmachen, wer jetzt in die Spitzengruppe geht. Was wir bei der Flandern-Rundfahrt definitiv unterschätzt haben, ist, dass es trotzdem genug Wind hatte für Kantensituationen und dass es über 100 Kilometer gedauert hat, bis sich endlich eine Spitzengruppe gebildet hat“, blickt Dillier zurück. 

„Nach den ersten 100 Kilometern waren dann aber einige Fahrer im Peloton schon so am Limit, dass sie selbst bei leichtem Seitenwind schon ein Loch haben aufgehen lassen. Das war sicher der erste Fehler, den wir begangen haben. Wir konnten aber unter großem Energieeinsatz die Situation wieder korrigieren. 

Fehler Nummer zwei

Dann waren wir eigentlich wieder gut im Rennen positioniert und hatten uns über Hotond auch super platziert. Mathieu hat dann gedacht, dass am Kortekeer eine gute Situation für eine Pinkelpause wäre. Das Team DSM blockierte gemeinsam mit Ineos Grenadiers die Straße und zog dann über die Kuppe des Anstiegs das Tempo an – wieder riss das Feld und Van der Poel war abgehängt. „Grundsätzlich ist es fast jedes Mal so, dass wenn wir Kortekeer fahren, die ersten paar Fahrer die Straße blockieren. Vielleicht nicht gerade so extrem wie das DSM an dem Tag gemacht hat. Es wird schon sehr langsam hochgefahren und oben raus wird es richtig schnell. Dass DSM dann fast Stehversuche gemacht hat und viele Fahrer auch absteigen mussten und wirklich stillstanden und in den vorderen Positionen oben rüber wieder lossprinteten, hat dann so richtig große Löchern ins Peloton gerissen. Das war dann die zweite Situation, die wir mit Mühe und Not korrigieren mussten. Aufgrund diese Nachführarbeit haben wir dann auch gleich drei Fahrer verloren. Søren Kragh Andersen, Maurice Ballerstedt und Michael Gogl waren danach weg. Ich konnte mich dann im Feld noch mal über die nächsten Berge retten und danach bin ich von vorne gefahren bis zur zweiten Überfahrt des Kwaremonts – als das Finale so richtig losging“, erklärt Dillier die entscheidende Phase.

Generell will Mathieu die großen Rennen am Anfang gemütlich angehen

Die entscheidenden Körner 

„Van der Poel war dann nicht in der Lage dem späteren Sieger Tadej Pogacar zu folgen – er musste sich mit Rang zwei begnügen – hatte er durch die Fehler zu viel Kröner verschossen? „Ich glaube schon, dass ihn das schon auch Substanz gekostet hat. Natürlich musste er nicht im Wind fahren. Aber nichtsdestotrotz ist es ein Unterschied, ob Du vorne im Rennen fährst und das Tempo bestimmen kannst und auch zu gewissen Zeiten ein bisschen rausnehmen kannst, anstatt in der Verfolgergruppe zu sein, die die Löcher schließt. Das Tempo in der Gruppe, in der wir Mathieu zurückbringen mussten, war natürlich zur Einfahrt Eikenberg um einiges schneller als das der Gruppe, die wir gejagt haben. In unserer Gruppe war Einerreihe angesagt und wir sind mit einem komplett anderen Speed in den Eikenberg reingefahren, wo es auch gleich zur Sache ging. Das kostet auch Mathieu ein paar Körner„, so Dillier.

Das perfekte Paris-Roubaix – mit anderer Einstellung

Nur eine Woche später stand Paris-Roubaix an – das dritte Monument des Jahres und eines der ganz großen Ziele des Teams. Die Vorbereitung im Team Alpecin-Deceuninck war akribisch darauf ausgerichtet. „Unsere Form konnten wir ja nicht mehr beeinflussen. Das Training war gemacht bis zur Flandern-Rundfahrt. Aber was wir definitiv geändert haben, ist unsere Einstellung gegenüber dem Rennen. Wir wollten einen besseren Fokus an den Tag legen und uns nicht in eine defensive Position drängen lassen. Das war jedem von uns bewusst. Das war auch Mathieu bewusst und das hat er auch im Teammeeting gesagt, dass er diesen Fehler von der Flandern- Rundfahrt nicht mehr wiederholen wird„, erzählt Dillier.  „Das hat uns als ganzes Team auch super motiviert. Ich denke, das war auch mit der Grund, warum wir so kompakt vorne zusammen gefahren sind“, so der Schweizer.

Ein „crazy“ Rennen

Am Ende standen Sieger Van der Poel und Jasper Philipsen zu zweit auf dem Podium – Doppelsieg für das Team. „Ja, das war ein verrücktes Rennen – auch für mich persönlich. Denn ich war zwischenzeitlich schon weit zurück. Vor dem Pave Haveluy, das ist das letzte vor dem Wald von Arenberg, hat Mathieu das Rad gewechselt. Ich habe dann mit ihm angehalten und ihn wieder zurück ins Peloton gefahren. Dabei ist meine Schaltung ausgefallen. Und nachdem ich das Rad gewechselt hatte und mich selbst wieder ins Feld zurückgekämpft hatte, folgte gleich noch ein Vorderradplatten. Dann habe ich es nicht mehr nach vorne geschafft“, sagt Dillier.

Ein Platten zur Unzeit kostete ihm eine bessere Position. „Wenn ich es richtig verfolgt habe, ist das Rennen in diesem Sektor etwas auseinander gefallen. Ich war zu dem Zeitpunkt abgehängt, so Position 100 oder 120. Zudem musste ich ja zwischen den ganzen gestürzten Fahrer durch den Wald von Arenberg. Wenn du als Fahrer wieder zurück ins Rennen kommen willst, sind solche Situationen nicht von Vorteil. Du kannst dann halt nicht mit vollem Speed über das Pave fahren, sondern musst anderen Fahren ausweichen und bremsen, weil dort ein Auto steht und den Parcours blockiert“, so Dillier, der dennoch bis ins Velodrom kämpfte und ein gutes Rennen fuhr.

Für mich selbst war das ein genialer Tag

Diller über Paris-Roubaix

„Zdeněk Štybar ist mir dann vom Arenberg über ein paar weitere Kilometer gefolgt, aber irgendwann habe ich ihn nicht mehr gesehen. Er ist von meinem Hinterrad weg geplatzt. Später in der Dusche hat er mir dann gesagt: „Ich sei echt crazy gefahren heute.“ Das habe ich dann mal so als Kompliment verbucht“, so Dillier lachend.

„Für mich ist eigentlich die verrückteste Story, dass ich da noch irgendwie zurückgekommen bin in die erste große Gruppe, die um Platz 15 gefahren ist. Für mich selbst war das ein genialer Tag. Meine eigene persönliche Leistung war noch viel besser als bei der Flandern-Rundfahrt. Ich konnte das zwar nicht in ein Resultat ummünzen, aber grundsätzlich bin ich superhappy, wie meine ganze Klassiker-Kampagne verlaufen ist“, ist Dillier mit seiner Leistung zufrieden. 

Der Blick auf den TV-Screen

Den Sieg seines Kapitäns hat er über die TV-Bildschirme an der Strecke verfolgt. „Meistens ist die Distanz vom Auto zu mir als Fahrer, der nicht mehr ganz vorne mitfährt, zu groß. Dann kriegt man eigentlich nichts mehr mit. Wenn man doch etwas über den Funk hört, dann ist es meistens so unklar, dass man sich keinen Reim darauf machen kann. Bei Paris –Roubaix war das aber witzig. Als ich selbst aus dem Carrefour de l‘Abre rausgefahren bin, war auf einem riesigen TV-Screen neben der Strecke Mathieu zu sehen. Da habe ich mir gedacht, okay der muss alleine unterwegs sein. Aber keine Ahnung, an welcher Position er gerade ist. Beim zweiten Mal hinschauen habe ich dann unten die Einblendung „tete de la course“ gelesen und da wir klar, wer soll den jetzt noch einholen“, so Dillier.

Bei Van der Poels Sanremo-Sieg war Dillier länger ahnungslos, was den Ausgang des Rennens betraf. „Bei Mailand–Sanremo war es so, dass ich den Speaker gehört habe, als ich ins Ziel gefahren bin. Er sagte so in etwa: ‚Hier ist Silvan Dillier, der einen Riesenanteil an der Arbeit fürs Team Alpecin-Deceuninck geleistet hat‘ Aber was das so recht zu bedeuten hatte, wusste ich auch nicht.  Ich habe dann links und rechts geschaut und versucht Informationen zu bekommen, wer jetzt überhaupt gewonnen hat, aber nichts Konkretes herausgefunden. Erst als unser Soigneur jubelnd auf mich zu gerannt kam, wusste ich, dass Mathieu das Rennen gewonnen hat. Das war erst der Moment, in dem ich das realisiert habe“, so Dillier.

Verdiente Party

Bei allen drei Monumenten stand man auf dem Podium, zwei konnte man gewinnen und bei Paris-Roubaix sogar einen Doppelsieg einfahren. Es war eine exzellente Klassiker-Kampagne, die aber erst nach dem letzten Pflaster-Rennen gebührend gefeiert wurde. „Nach dem Sieg bei Mailand–Sanremo haben wir abends alle zusammen gegessen. Aber das war’s. Da gab es keine Party. Aber nach Roubaix haben wir dann schon gefeiert“, verrät Dillier. 

„Mathieu hat auch gesagt, dass er, als er nach seinem Cyclocross-WM-Titel wieder angefangen hat, für die Straßensaison zu trainieren, erstmal keinen Schluck Alkohol mehr trinken werde. Auch nach seinem Mailand-Sanremo-Sieg hat er an diesem Vorsatz festgehalten und das dann auch echt so durchgezogen. Aber nach Paris–Roubaix hat er sich dann auch was gegönnt.“ Gemeinsam mit seinen Teamkollegen auf eine herausragende Klassiker-Kampagne angestoßen.