Es war eine gefährliche Situation und sie wird immer noch diskutiert. Das Peloton von Paris-Roubaix näherte sich einem Bahnübergang. Die ersten Fahrer rollen noch drüber, doch das Feld ist lang und die Schranken senken sich. Einige Profis fahren zwischen den geschlossenen Halbschranken hindurch, ein Polizist versucht sie aufzuhalten. Erst wenige Sekunden bevor der TGV durchrauscht, fuhren die letzten Fahrer von den Gleisen.

Die Fahrer, die die Bahnanlage bei geschlossener Schranke passierten, handelten leichtsinnig und falsch, da ist das Regelwerk eindeutig. In diesem Falle wurden sie aber nicht aus dem Rennen genommen, wie beispielsweise 2006 Leif Hoste, Peter van Petegem und Vladimir Gusev, die eine Schranke umkurvten und weiterfuhren. Chef-Kommissär Guy Dobbelaere erklärte, es sei den Fahrern gestern nicht mehr möglich gewesen, sicher anzuhalten, als die Schranken runtergingen.

Kommt ein Feld, eine Gruppe oder ein Fahrer an einen geschlossenen Bahnübergang, ist die Sache klar – fährt er weiter, gehört er aus dem Rennen genommen. Doch gestern war die Sache etwas komplizierter, und die UCI will den Vorfall untersuchen.

 

Man kann die Fahrer verstehen

Welcher Radler ist noch nicht auf eine Ampel zugerollt, die gerade “Orange” zeigte, hat zwei, drei harte Tritte gemacht und ist durchgerauscht. Wir scheinen einen natürlichen Instinkt zu haben, der bei drohender Energieverschwendung durch Bremsen die Entscheidungsprozesse beeinflusst. Wenn es Hobby-Fahrern schon so geht, was muss da bei einem Profi in einem der wichtigsten Rennen im Kopf passieren? Er ist gepolt auf “mit, mit,mit”, bloß nicht abreißen lassen. Die Fahrer mobilisieren die letzten Kräfte um dranzubleiben, sie sind gewillt sich durch nichts aufhalten zu lassen. Und dann kommt ein Bahnübergang, an dem die Spitze des Feldes noch durchfahren kann. Dass man in einer solchen Situation lieber den Kopf einzieht und unter der Schranke durchschlüpft, kann man durchaus verstehen, auch wenn es falsch ist. Aber, NIEMAND sollte sein Leben, oder das eines Anderen riskieren. Schon gar nicht in einem Radrennen.

 

Was also tun?

Tja, was also tun? Schließlich kann die gleiche Situation auch im nächsten Rennen wieder entstehen. An jeden Bahnübergang fünf Motorräder zu stellen, hilft in diesem Falle wenig. Die können schließlich auch nicht einfach quer in das 45 km/h schnelle Feld fahren, sobald die Warnlichter der Gleisanlage angehen. Alle Fahrer aus dem Rennen nehmen? Dürfte auch schwierig werden, vor allem wenn die ersten Fahrer noch regelgerecht gefahren sind. Sollen die Fahrer beim ersten Blinken der Anlage 1o m vor den Gleisen eine Vollbremsung machen? Eher nicht, wie auch Chef-Kommissär Dobbelaere argumentierte.

Das muss auch nicht sein, aber wer weiterfährt, wenn die Schranken eindeutig unten sind, gehört bestraft und aus dem Rennen genommen. Auch in solchen Grenzsituation. Sind die Schranken unten, kommt der Zug – dann geht es um Menschenleben. Klar, sollte jetzt ein Fahrer erst auf den Schienen zum Stehen kommen, muss er rüber, weil die anderen Fahrer den Weg zurück versperren. Das Wichtigste ist die Gesundheit. Ist die Strafe hart und klar, ist auch die Chance größer, dass sich die Fahrer daran halten. Und wir wollen an dieser Stelle gar nicht davon anfangen, welche Vorbildwirkung das Verhalten der Profis für Nachwuchsfahrer haben könnte. Die Kommissäre haben das Feld nach dem Bahnübergang sowieso neutralisiert, bis auch die aufgeschlossen haben, die warten mussten. Genau das muss in solchen Fällen passieren und sollte klar sein – es entsteht durch eine geschlossene Bahnschranke kein Nachteil.