Argumente FÜR die neue Rennserie

1. Neue Einnahmen stabilisieren den Sport

Der Radsport muss sich weiterentwickeln und braucht neue Erlösquellen. Betrachtet man allein die World-Tour-Teams, wird schnell klar, dass ohne finanzkräftige Gönner eine Handvoll Teams nicht mehr dabei wären. Das Konstrukt der Sponsor-Namensgeber-Abhängigkeit macht eine langfristige Planung für die Teams nahezu unmöglich. Das hat Auswirkungen auf Fahrerverträge, Teamstrategien und den gesamten Sport. Die großen Monumente haben keine Probleme mit Aufmerksamkeit, die kleinen Rennen kämpfen jedoch ums Überleben. Dass man nun versucht eine neue Rennserie zu etablieren, die kurz & knackig und leicht konsumierbar ist, und bei der man vielleicht sogar noch Eintritt nehmen kann, klingt logisch.

Dazu lassen sich mit der einfachen Rennserie neue Sponsoren anlocken und mit Events an einem Ort eine breite Masse erreichen. Die TV-Produktionskosten sind auf einem Rundkurs natürlich ebenso viel geringer als bei einem 250 km Rennen durch die Alpen.

 

2. Innovation

Der Radsport ist sehr traditionsbehaftet. Das zeigen schon die Rennen. In dem Wort “Monumente” für die fünf wichtigsten Eintagesrennen steckt viel mehr als die bloße Beschreibung des Stellenwerts. Die Welt außerhalb des Radsports hat sich verändert. Auch wenn die Ronde oder Paris-Roubaix nicht ihren Wert verlieren werden, aber wie lockt man heute junge Leute an die Strecke von Paris-Tours?

Man könnte an dieser Stelle etwas über die Eventisierung der Gesellschaft schreiben, über die große Konkurrenz der medialen “Immer-Verfügbarkeit”, über leicht konsumierbare Häppchen für Interessengruppen und die ideale Präsentation von Unternehmen im Rahmen von Großereignissen – all diese Bereiche würden viele Argumente für die neue Rennserie liefern. Diese ist einfach, kurz, unterhaltsam und als Event angelegt. Das TV-Ereignis ist kaum länger als ein Fußballspiel und während der Rennen gibt es keine Gähnpausen. Spektakel heißt das Stichwort. Der Auftakt in der Radsportregion Limburg kann Richtungsweiser sein und anstecken. Mehr Action und weniger Langeweile in denen die Kommentatoren alte Geschichten von Bartali und Gimondi erzählen und befreundete Gastronomen grüßen.

 

3. Ein Gegengewicht zur ASO

Die ASO ist das mächtigste Konstrukt im Radsport. Dass sie keine Charity-Organisation sind, wird nicht erst auf den dritten Blick klar. Sie haben die wichtigsten Rennen und spielen ihre Macht aus, zur Not mit allen Mitteln. Das wurde bei der WorldTour-Reform klar, als man kurzerhand die Rennen aus der Serie nahm um bei der UCI die eigenen Forderungen durchzudrücken.

Mit dem neuen Velon-Infront-Teams-Konstrukt kann ein Gegenpol entstehen, der sich dem Einfuss der ASO entzieht. Das kann für die Machtverteilung im Radsport nachhaltig entscheidend sein. Denn nur wenn die Teams ihre Unabhängigkeit von der ASO spüren, sind sie auch dazu bereit, nicht jede Kröte zu schlucken. 

 

Argumente GEGEN die “Hammer Series”

1. Ein Haufen PR

Allein der Name ist ein “Bäm”. Er lässt PR-Fachleute auf die Zehenspitzen ihrer Chucks wippen und anschließend den Bart kraulen. Spektakel verspricht die Serie, neue Kohle und nichts weniger als die “Revolution des Radsports”. Gut, da treten immer noch klapperdürre Typen in die Pedale, aber jetzt eben bei einem richtig geilen Event! Die Leute werden den Veranstaltungen hammermäßig die Bude einrennen. Denn jeder Hobby-Radler will natürlich unbedingt dabei sein! Wirklich? Warum will der Hobby-Fahrer lieber dort starten, als bei einem Granfondo, oder dem Jedermann-Amstel? Klingt “Hammer Series” nicht eher nach Darts-WM, als nach einem Radrennen, zu dem man mit Junior geht und sagt “wenn du richtig gut bist, kannst du hier auch mal starten”? 

Die Rechnung ist einfach: “Velon+Infornt= Geld für die Teams”. Und diese Rechnung steckt hinter den Lobpreisungen auf die Idee einer Rennserie, von der niemand weiß, ob sie funktionieren wird. Ganz nach dem Motto “Egal, erstmal mächtig auf die Kacke hauen” wird hammermäßig gehypt. Denn so verkauft man heute Erfolg – im Vorhinein. 

 

2. Ist das sexy für die Fans?

Am ersten Tag findet ein Rennen statt, bei dem immer wieder gesprintet wird. Am zweiten Tag wird es eine Bergankunft geben und am letzten Tag ein Mannschaftszeitfahren. Wer am Ende zuerst über die Linie rollt, ist Sieger. Klar, haben wir verstanden. Dass die ersten beiden Tage witzige Unterhaltung bieten können, lässt sich leicht nachvollziehen. Aber wenn wir uns jetzt mal den letzten Tag vorstellen: Da fahren in einem Abstand, der sich aus einem Punktsystem der Bonifikationen berechnet, Mannschaften los und versuchen sich dann zu überholen. Bei einem Mannschaftszeitfahren.
Nichts ist komplizierter einer Radsport fernen Zielgruppe zu erklären, als die Faszination und Herausforderung eines Mannschaftszeitfahrens. Da treten ein paar Typen mächtig in die Pedale, vom Leiden und der Leistung sieht man als Nicht-Wattmesser-Nerd kaum etwas. Spannung bietet die Abstandsmessung? Was passiert wenn das eine Team eingeholt wird? Dann rollen zwei Züge nebeneinander her? Beim Zielsprint ist am Ende der vierte Mann entscheidend. Hm.

Gut, das Konzept ist eh mehr auf Event und Party ausgerichtet, mag man dagegenhalten. Aber klingt dass dann nicht eher nach Darts-WM, als Radsportfest?
Was macht denn die Radsportparty so besonders, beispielsweise bei Paris-Roubaix? Es ist der Respekt vor der unfassbaren sportlichen Leistung. Jeder Fahrer wird gefeiert, egal ob Erster, oder Letzter. Gerade die “Leichen auf Rädern”, die am Carrefour de l’Arbre jeden Pflasterstein einzeln mitnehmen, werden aus tausenden Kehlen nach vorn getrieben. Und sie kämpfen auch genau deswegen weiter, 20 Meter vorm Besenwagen und mit Schmerzen am ganzen Körper. Vielleicht braucht man diese Fans auch gar nicht mehr, sondern will lieber die Eventfans aus dem Fußball. Doch können diese sich für unterschiedliche Pacing-Strategien beim Mannschaftszeitfahren erwärmen? Bier gibts auch bei Roeselare gegen Genk, oder Heerenveen gegen Zwolle.

 

3. Das Problem mit dem Teamsport-Gedanken

Radsport ist ein Mannschaftssport, dass ist uns (Nerds) klar. Aber es gibt einen Grund, warum nahezu alle Fernsehsender der Welt jahrelang “Ullrich” gegen “Armstrong” oder “Quintana” gegen “Froome” als Duelle präsentiert haben. Es ist einfach und viel leichter zu verstehen als die Komplexität des Radsports. Die eine Attacke, am letzten Berg ist schneller erklärt, als die Situation, als Froome bergab angreift und Quintana auf  Valverde wartet. Ja, euch ist klar, dass man Mailand-Sanremo nur dann gewinnen kann, wenn man als Kapitän bis zur Ligurischen Küste keinen Tritt machen musste. Ihr kennt die Helden der ersten Rennstunde, oder die Rolle eines “Capitaine de la Route”. Aber wie steht es mit Leuten die sich bislang nur mäßig für Radsport interessierten? Genau an die will die Hammer-Serie doch ran. 

Klar, es ist nachvollziehbar, dass man versucht weg von Einzelfahrern zu kommen und hin zu Teams. Ähnlich wie beim Fußball steckt in dem “Verein-Gedanken” natürlich viel mehr ökonomisches Potenzial. Aber so hat der Radsport bislang nicht funktioniert. Da wechselten Fahrer die Teams und Teams die Namen. So ist es nur zu logisch “Philippe-Gilbert-Fan” zu sein, statt Anhänger von FDJ, Lotto oder Quick-Step. Dazu sind es in Ländern wie Deutschland die Namen, die funktionieren. Denn wir waren keine Radsportnation, sondern eine “Ulle&Zabel-Nation”. Wie im Tennis, mit Becker und Graf.

Dieses Vereinsding des Fußballs lässt sich nur schwer auf den Radsport übertragen. Und man darf auch die Frage stellen, ob man das wirklich will. Denn das besondere des Radsports ist es, dass die Fans sämtlicher Nationen in Flandern, Roubaix oder sogar der WM in Stuttgart gemeinsam feiern. Egal für welchen Fahrer man ist. Niemand ist gegen Boonen, weil man Degenkolb mehr mag. Im Fußball ist das anders, da wird sogar im Stadion gegen eine Mannschaft skandiert, die an diesem Tag spielfrei hat.

Im Radsport zählt der Respekt vor der Leistung mehr, als Sympathien oder Nationalitäten. Es gibt keine soziologischen Studien dazu, aber vielleicht gibt es ja einen Zusammenhang, dass bei den einzigen “Event-Fan-Veranstaltungen” des Radsports Froome mit Urin bespritzt wird, oder in Alpe d’Huez Fahrer ausgebuht werden? Bei der Lombardei-Rundfahrt ist das irgendwie unvorstellbar.