Das Team gewinnt die Tour

Ist Primoz Roglic der stärkste Fahrer der Tour de France? Vermutlich. Würde er ohne seine superstarke Mannschaft das Gelbe Trikot tragen? Vielleicht eher nicht. Die Leistungsunterschiede zwischen den Top-Fahrern dieser Tour sind nicht groß. Hier und dort holte Roglic ein paar Sekunden auf  Rigoberto Uran und Miguel Angel Lopez. Sein Vorsprung auf Tadej Pogacar resultiert aus der Windkanten-Etappe am siebten Renntag, wo Pogacar mehr als 1:20 min verlor. Auch Mikel Landa (aktuell +2:13 min) und Richie Porte (aktuell +2:16 min) büßten dort diese 1:21 min ein. 
Ohne Roglics bärenstarke Mannschaft würden wir ein anderes Rennen sehen. So gering wie die Leitungsunterschiede und die Abstände in der Gesamtwertung sind, hätte Roglics Konkurrenz sicher Attacken auf Gelb gestartet.
Doch die Jumbo-Visma-Mannschaft nimmt jeder Angriffslust den Wind aus den Segeln. Mit der alten Sky-Taktik ersticken sie mit brachialem Tempo das Rennen. Solange Sepp Kuss, Tom Dumoulin, Wout van Aert und der Rest des gelben Zuges so fährt, würde die Konkurrenz mit einer Attacke mehr als einen Kilometer vor dem Ziel nur einen Konter riskieren
Das sieht für den TV-Zuschauer wenig spektakulär aus, ist aber die aktuell beste Taktik für Roglic. Und wollen sie die Tour gewinnen, ist es ihre beste Option – bloß keinen offenen Schlagabtausch. Denn Roglic wird nicht alle Attacken kontern können und die Konkurrenz will erst den Mann in Gelb aus dem Trikot fahren, bevor man sich gegenseitig hinterher jagt. 
Bleibt das Team Jumbo-Visma so souverän, muss man nur noch Tadej Pogacar fürchten. Denn der Rest wird den Kampf um Gelb bald in einen Kampf um das Podium ändern. Ist das erreicht, läuft es für Jumbo-Visma noch besser. Denn dann hilft die Konkurrenz mit, mögliche Attacken zu neutralisieren.
 

Der Kampf ums Podium

So souverän, wie Roglic und sein Team auftreten, dürften einige der Top-Fahrer bereits mehr über den Kampf ums Podium nachdenken, als über den Kampf um Gelb. Das spielt (wie oben erklärt) vor allem Roglic in die Karten. Natürlich ist der Kampf um Gelb für die Fahrer ab Rang drei nicht aussichtslos zu Ende, doch wer will einen Platz auf dem Podium für eine waghalsige All-In-Aktion auf Gelb riskieren, wenn diese wenig Chance auf Erfolg verspricht? Wenige. Sehr wenige. Dafür ist der Platz auf dem Podest der Tour einfach zu wichtig.
Zumal man sich vor Augen halten muss, dass niemand, der noch in Schlagweite zu Roglic liegt, bei der Tour bislang auf dem Podium stand – außer Rigoberto Uran, der aber eher nicht für waghalsige Attacken, sondern mehr für Kontinuität bei einer Grand Tour bekannt ist. 
Porte, Lopez, Landa – für sie wäre es ein Riesenerfolg, auf dem Podium der Tour zu stehen. Nun mag man sich gern an Alberto Contador erinnern, der im Herbst seiner Karriere solange um Gelb kämpfte, bis es aussichtslos war. Er hatte aber auch bereits alle Grand Tours gewonnen – da kann man es riskieren, für eine 2% Chance auf Gelb, Rang drei aufs Spiel zu setzen. 
Es könnte ein packender Kampf um die Plätze hinter Roglic auf dem Podest werden. Der große Gewinner davon wäre der Mann in Gelb. Denn wenn die Attacken nicht mehr ihm gelten, …. aber welche Attacken?
 

Wout the fu**?

“Wout van Aert ist 24 Jahre alt und hat den Sprung in die Weltspitze vollzogen. Kommt er gesund durch den Winter, könnte bereits 2020 das Jahr der großen Siege werden” hieß es am 19. April 2019 in einem Artikel zur Klassikersaison – “9 Erkenntnisse nach den Pflaster-Klassikern 2019“.  Gut, das war nicht falsch (Mailand-Sanremo, Strade Bianche, Tour-Etappen…), aber irgendwie noch viel zu niedrig angesetzt. So hoch wie “WvA” die Latte grad legen lässt um im Scheren-Schritt drüber zu springen, braucht man eine Stabhochsprung-Anlage. 
Van Aert ist schnell, wie früher Tom Boonen. Er fährt Klassiker wie Cancellara. Berghoch fast wie Miguel Indurain und bergab fast wie Paolo Savoldelli. Egal, in welche Schublade man greift, Van Aert gehört zur Top-Kategorie. Nun kommen Vergleiche auf, mit Bernard Hinault, der ebenfalls alles konnte. Doch das war eine andere Zeit. Die Spezialisierung ist heute viel größer, die Leistungsdichte größer. Das macht Wout van Aert nur noch besonderer. Wow! Wir freuen uns schon jetzt auf die Klassiker, und die WM 2021 in Belgien.
 

Tadej Pogacar

Vor der Schlusswoche dieser Tour de France sieht es so aus, als könne nur ein Fahrer Primoz Roglic den Sieg streitig machen. Der 21-jährige Tadej Pogacar. Ein Wunderknabe. Mit 20 Jahren stand er auf dem Podium der Vuelta. Nun fährt er bei der Tour um den Sieg. So abgeklärt, so stark, so zielstrebig – wow. Gab es solche Talente in den vergangenen 20-30 Jahren? Keine Ahnung. Was Pogacar in Frankreich ohne sonderlich große Teamunterstützung abliefert ist beeindruckend. Wäre er Belgier, der Remco-Hype wäre nur halb so groß.
 

Der Kampf um Grün – wir gucken trotzdem hin

Die Konstellation im Kampf um das Grüne Trikot ist klar –  Peter Sagan muss aufholen, ist aber nicht so endschnell wie Sam Bennett. Es bleiben nur die Zwischensprints und wenige Etappenankünfte und er muss Bennett abhängen. Wir alle wissen genau, was passiert, aber es macht trotzdem Spaß zuzugucken. Denn Sagan steckt nicht auf und macht das Rennen so mit seiner Mannschaft interessant. Im sonst so kühl kalkulierten “modernen Radsport”, wo die Präsenz in Fluchtgruppen an Wert verloren hat und stets Risiko gegen Aussicht auf Erfolg peinlichst genau abgewogen wird, tut ein wenig Rennanimation durchaus gut. 
Und für das Grüne Trikot gilt einmal mehr: Wer es in Paris trägt, hat es absolut verdient!


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