5 Hot Takes von Bernd Landwehr
Cofidis und das „Wunder von Rimini“
Wenn schon hot, dann richtig heiß: Gleich die erste Etappe der Tour de France ist ein Brett! Sieben Bergwertungen, satte 3700 Höhenmeter – ein übles Ding zum Auftakt. Alle erwarten bereits am ersten Tag ganz großes Kino – die Attacken der Gelb-Favoriten und erste Abstände. Doch Pustekuchen – es wird zwar schnell gefahren, es gibt Hektik und leider sind einige Fahrer im Pech – doch die ganz große GC-Show bleibt aus. Nach dem schweren Anstieg 70 Kilometer vor dem Ziel wird sich etwas neutralisiert und am Ende kommt es tatsächlich zum Sprint um das erste Gelbe Trikot dieser Tour aus einer größeren Gruppe.
Und was Victor Lafay an Tag zwei der Tour 2023 schaffte, erledigt diesmal Axel Zingle! Der junge Franzose setzt sich im Sprint knapp vor Alex Aranburu durch und verzückt ganz Frankreich! Das „Wunder von Rimini“ – Etappensieg und Gelb für Cofidis!
Ein Abschied mit roten Punkten
Romain Bardet bestreitet seine letzte Tour de France. Der 33-Jährige hat seinen Vertrag bei DSM verlängert, wird 2025 beim Giro starten – doch nach der Dauphine soll im nächsten Jahr Schluss sein mit WorldTour-Rennen.
Der Franzose beendete die Tour sieben Mal in den Top 10, stand zwei Mal auf dem Podium, gewann mehrere Etappen und holte 2019 das Bergtrikot. Logisch, dass er nicht leise Abschied sagen will und beim letzten großen Tanz dem Publikum eine Show bieten wird! Als exzellenter Abfahrer und superstarker Kletterer gibt es bei dieser Tour reichlich Etappen nach seinem Geschmack. Auch wenn er es zunächst vor allem auf Etappensiege abgesehen hat, schielt er von Beginn an auf die Bergwertungen. Sammelt unterwegs fleißig Zähler und reist die Schlusswoche mit wunderschönem gepunkteten Trikot durch sein Heimatland. Romain Bardet – der Bergkönig der Tour de France 2024.
Ackes holt den Tour-Etappensieg
Die Rennen der vergangenen Wochen rücken Pascal Ackermann nicht in den Kreis der absoluten Tour-Top-Sprinter. Doch „Ackes“ ist ein Kopfmensch, ein Sprinter mit der nötigen Verrücktheit und Besessenheit. Bei seiner ersten Tour de France, auf die er so lange warten musste, ist sein Motivationslevel derart groß, dass die deutsche Sprache dafür kein Wort parat hat.
Vielleicht muss Ackermann geduldig sein, vielleicht wird er zunächst chancenlos bei den ersten Sprints sein. Doch irgendwann kommt sein Tag und alles passt! Wille versetzt Berge, heißt es. Pascal Ackermann wandelt Wille zu Watt und erzwingt sein Glück – nach Siegen bei Vuelta & Giro holt er auch seinen Tour-Etappensieg.
Bernal auf dem Podium
Die Geschichte um Egan Bernal und seinen schlimmen Trainingsunfall kennen alle Radsportfans. Es grenzt fast an ein Wunder, dass Bernal nach den heftigen Verletzungen überhaupt wieder in der Lage ist, beim größten Rennen der Welt mit Ambitionen anzutreten. Der Ex-Tour-Sieger ist nicht auf dem Level von Tadej Pogacar, doch er hat sich in den vergangenen Monaten Stück für Stück gesteigert. Bei der Tour de Suisse lief es sehr ordentlich und nun hoffen seine Fans, dass er sich bei der Tour in Szene setzen kann. Das wird er! Zwar nicht mit einem Etappensieg, aber einem Platz auf dem Treppchen in „Paris Nizza“.
Die schwere dritte Woche kommt dem Kolumbianer entgegen. Ohne großen Einbruch spielt er in der Höhe seine Karten geschickt aus und sichert sich fünf Jahre nach seinem Tour-Sieg einen Platz auf dem Podium.
P.S. Wer dieses Korn dem blinden Huhn nicht zutraut – auch Bernals Tour-Sieg wurde Monate im voraus prophezeit😉
Solokapitän-Strategie von RedBull scheitert
Primoz Roglic wurde verpflichtet, um Gelb anzugreifen. Die Saisonplanung ist voll auf die Tour ausgerichtet und das bestmögliche Team wird nach Florenz an den Start gebracht. Alles für Gelb, alles für Roglic – so der Fahrplan. Alles auf eine Karte setzen – eine nachvollziehbare Strategie. Doch bei dieser Tour de France, die viele knifflige Herausforderungen parat hält, eine brutale Schlusswoche hat, wo Stress und Hektik zum Tagesablauf gehören, ist die Gefahr groß, am Ende mit leeren Händen dazustehen. So lässt sich diese Karte nicht wie gewünscht ausspielen.
Red Bull Bora verpasst das Podium mit Roglic, und so beginnen nach dem Rennen die Diskussionen, ob man nicht besser doch mit mehreren gleichberechtigten Kapitänen ins Rennen gestartet wäre.


