Fast fünf Monate Rennpause, in der wichtigsten Saisonphase – hinter Nikias Arndt liegt eine schwierige Zeit, nun steht er vor dem Comeback ins Profi-Peloton, will bei der Deutschland Tour wieder ins Renngeschehen zurückkehren. „Ich freue mich wieder zurück zu kehren“, sagt Nikias Arndt ruhig, aber bestimmt. Bei der Classic Brugge-De Panne Ende März hatte sich Arndt beim Massensturz im Finale schwer verletzt. Ein Wirbelbruch setzte ihn lange außer Gefecht. Noch immer hat er eine Platte im Rücken, die irgendwann in der Saisonpause wieder entfernt werden soll.
„Die ersten 1-2 Wochen war ich sehr eingeschränkt, hab mich nur zwischen Bett und Wohnzimmer bewegt. Das war natürlich auch mit Schmerzen verbunden und es war viel Liegen angesagt. Aber schon so nach drei Wochen konnte ich mit kleinen Spaziergängen durch den Garten beginnen. Was ich dann natürlich sehr genossen hab“, erzählt Arndt. „Es ging insgesamt schnell aufwärts, aber lange Zeit konnte ich mich nicht vorbeugen. Nach etwa sieben Wochen konnte ich dann vorsichtig auf die Rolle steigen, hatte mir extra einen Stehtisch gebaut, sodass ich wirklich komplett aufrecht sitzen konnte. Als ich dann irgendwann endlich wieder draußen aufs Rad konnte, fühlte sich das unglaublich gut an“, erzählt Arndt. Vorsichtig auf dem umgebauten Gravelbike in der Natur, Rennen schienen auch nach zweieinhalb Monaten noch ganz weit weg. Das Finale der Classic Brugge-De Panne ist berüchtigt. Stürze sind vorprogrammiert, vor allem dann, wenn der Wind das Peloton nicht vorher verkleinert hat. Im März 2025 gab es einige Stürze, anschließend viel Kritik. Für die Rettungskräfte ein heftiger Tag – sie hatten alle Hände voll zu tun. Arndt musste lange warten, ehe ihm geholfen wurde. An den Sturz und die Zeit danach kann er sich genau erinnern.
„Ich sehe das alles noch genau vor mir. Ich war eigentlich sicher, auf der linken Seite des Feldes. Ich hörte den Sturz rechts, dachte, es erwischt mich nicht. Dann plötzlich krachte es in meinem Hinterrad, ich bin abgeflogen und mit dem Rücken gegen den Baum. Sofort hab ich gespürt, dass da was nicht in Ordnung ist. Man prüft dann selbst: kann ich die Beine bewegen, kann ich die Arme bewegen. Das ging, da war ich dann etwas beruhigt. Aber die Schmerzen waren extrem und mir war klar, dass es heftig ist“, erzählt Arndt. Er kann sich auch daran erinnern, dass es lange dauerte, ehe der Arzt da war und dann glücklicherweise fast zeitgleich der Krankenwagen. Zugang gelegt, die Schmerzmittel wirkten dann schnell.
Es war eine schwere Verletzung, doch Arndt hatte Glück, es hätte schlimmer sein können. „Das war jetzt auch nicht ungefährlich und das geht dir dann schon durch den Kopf. Das muss man erstmal verarbeiten.“
Rückkehr beim Kriterium in Neuss – Anspannung und Neugier
Ende Juli ist Nikias Arndt das erste Rennen gefahren, wenn auch kein echtes Profirennen. Er war beim Kriterium in Neuss am Start. „Das war genau richtig“, sagt Arndt und es ist ihm anzumerken, was es ihm bedeutet, wieder zurück zu sein.

„Ich war mir etwas unsicher, aber auch sehr neugierig, wie es sich anfühlt. Klar kam die Frage, ob denn ausgerechnet ein Kriterium der beste Einstieg ist, aber ich denke, das war es. Ich hatte zunächst noch ein mulmiges Gefühl, war mir nicht sicher, wie es sich anfühlt da mit den jungen Fahrern und den Kriteriums-Jungs da um die Kurven zu knallen. Aber es ging ganz schnell und die Unsicherheit war weg. Und die Beine waren auch ganz gut“, sagt Arndt mit einem Grinsen.
Nikias Arndt ist seit mehr als 10 Jahren Profi, mit 33 Jahren sehr erfahren und hat sich schon mehrfach nach Stürzen zurückgekämpft. Er weiß, dass es beim Wiedereinstieg nicht direkt jeden Tag richtig rund läuft. „Deshalb ist es wichtig, die richtigen Rennen zu wählen und gut wieder in den Rhythmus zu kommen. Ich bin froh, dass ich jetzt im August überhaupt schon wieder bereit bin, mit dem Team bei den Rennen zu fahren. Die erste Prognose war, dass ich frühestens im September, vielleicht sogar erst in der nächsten Saison wieder starten kann“, sagt Arndt und schiebt nach: „Ich bin vor den Planungen der Ärzte, aber muss dazu sagen, dass ich wirklich alles dafür getan hab. Ich habe die komplette Physio von A bis Z gemacht, alle Übungen, alles was auch nur irgendwie helfen könnte. Aber gut, ich bin auch jemand der nicht lange still sitzen kann“, sagt Arndt und lacht.
Verdrängen und Automatismus
Nikias Arndt war in den Nachwuchsklassen als Sprinter erfolgreich, gewann auch als Profi Etappen beim Giro d’Italia und der Vuelta (Foto unten). Die ganz hohen Wattzahlen bringt er nicht aufs Pedal, aber besitzt eine herausragende Übersicht, Tempohärte und ist auch nach schweren Rennen durchaus endschnell.

So rückte er in die Rolle des Anfahrers und RodCaptains. Arndt ist kein lauter Typ, aber jemand mit dem man nicht nur über Radrennen diskutieren kann, sondern der den Sport auch kritisch betrachtet und reflektiert. Dass Risiken zum Profi-Radsport gehören, ist ihm bewusst, dennoch setzt er sich für mehr Sicherheit ein.
In seiner Karriere hat er selbst schon schwere Stürze erlebt, doch es sind nicht nur die eigenen, die für ihn schwer zu verarbeiten sind. „Ich hatte bei Tirreno-Adriatico vor einigen Jahren einen schweren Sturz, da fehlen mir bis heute eineinhalb Tage Erinnerung. Aber das konnte ich gut hinter mir lassen“, sagt Arndt ruhig. „Schwerer fiel es mir den Tod von Gino (Mäder – der Schweizer verunglückte bei der Tour de Suisse 2023 tödlich) zu verarbeiten. Das berührt mich noch heute. Ich hatte Gino erst kurz zuvor wirklich kennengelernt, wir waren bei der Tour de Romandie Zimmerkollegen. Und dann auch bei der Tour de Suisse gemeinsam auf Zimmer. Man kann durchaus sagen, dass mich dieser Unfall geprägt hat.“
Rückschläge und auch Stürze gehören zu den Erfahrungen, die Radprofis verarbeiten müssen. Jeder auf seine Weise. Nikias Arndt gelingt das mit all seiner Erfahrung und seiner professionellen Einstellung zum Sport. „Dennoch bleibt so ein Sturz im Hinterkopf, wenn man sich auf seine ersten Rennen vorbereitet. Das Kriterium in Neuss war sehr gut, ich hatte Spaß und ein gutes Gefühl auf dem Rad. Wie das dann im Finale des ersten richtigen Profirennen wird, muss man abwarten. Aber ich bin da wirklich sehr zuversichtlich“, so Arndt.

Auf dem Rad greift eine Art Automatismus, der sich über die vielen Jahre im Radsport ausgebildet hat. „Ja, im Rennen greifen Automatismen. Das war in Neuss auch so, nach vier Monaten Pause. Da ist alles ganz schnell wieder da, läuft vieles komplett automatisch ab. Ich hoffe, dass das bei den ersten Richtigen genauso ist“.
Gern wäre Arndt sogar schon bei den Cyclassics in Hamburg wieder am Start gewesen, doch das klappte nicht. Nun wird er bei der Deutschland Tour vor den heimischen Fans sein Comeback geben. „Gemeinsam mit dem Team schauen wir, was das beste für mich ist, aber auch wie ich am meisten helfen kann. Für mich persönlich wäre es natürlich schön, in der Heimat zu starten, vor Freunden und Familie, und den Menschen, die mich immer unterstützt haben. Aber ich war so schwer verletzt, so lange raus, ich bin einfach dankbar, dass ich in dieser Saison überhaupt Rennen fahren kann“.


