Marktplatz in Brügge; Foto: Roth&Roth www.Roth-Foto.de
Marktplatz in Brügge; Foto: Roth&Roth www.Roth-Foto.de

Brügge ist immer voll. Die Stadt lebt davon, dass Besucher aus aller Welt die Stadt wie ein Freilichtmuseum betrachten. Der Reichtum von einst, ermöglicht den Reichtum von heute. Der mittelalterliche Stadtkern ist bestens erhalten. Besucher flanieren durch die bedeutende europäische Handelsmetropole des 15. Jahrhunderts. Es gibt Architektur, Bier, Schokolade – und einmal im Jahr Radsport.

Nationale Grundsatzdebatten

Am Ostersonntag wird Brügge also überfüllt sein wie immer. Dennoch wird es nicht so sein wie an den 364 anderen Tagen des Jahres. Denn die Stadt wird dann nicht von den herkömmlichen Touristen aus den USA, Japan oder Deutschland heimgesucht. Sie ist Anziehungspunkt für tausende Radsportfans, die vom Bahnhof in Scharen Richtung „Grote Markt“ ziehen, dem Startort der Flandern-Rundfahrt. Dort werden sie sich versammeln, um den 248 Fahrern zuzujubeln, die sich wenig später auf die „Ronde“ begeben.

Der Tag der „Ronde van Vlaanderen“ ist ein Feiertag in Belgien – vielleicht sogar der Nationalfeiertag schlechthin. Denn wenn sich Flamen und Wallonen in diesem gespaltenen Land überhaupt auf etwas einigen können, dann ist es Radsport. Auch wenn die Wallonen eher Lüttich-Bastogne-Lüttich bevorzugen. Der Sonntag der Flandern-Rundfahrt elektrisiert dennoch das ganze Land. Als die Organisatoren vor drei Jahren bekanntgaben, dass die Mur von Geraardsbergen nicht mehr zur Strecke gehören würde, gab es wochenlang erregte Debatten als hinge das Wohl und Wehe der Nation davon ab.

Die StreichungFLANDERN-RUNDFAHRT 2014 der Mur hatte kommerzielle Gründe, weil sich entlang des neuen Kurses, bei dem es nun drei Mal über Anstieg Oude Kwaremont geht, besser VIP-Zelte errichten lassen, an denen das Rennen nun öfter vorbeikommt. Die Mur von Geraardsbergen galt aber neben dem Koppenberg als die Seele des Rennens. Es ging um Grundsätzliches. Etwa so wie Fans die Kommerzialisierung des Fußballs geißeln. Doch die Ronde bleibt trotz allem die Ronde und das zentrale Thema des belgischen Frühjahrs.

Faszinierende Faszination

In der Woche vor dem Rennen kennt die Sportberichterstattung kein anderes Thema. Zeitungen drucken Sonderseiten, im TV gibt es tägliche Sendungen. „Für uns ist die Flandern-Rundfahrt die Weltmeisterschaft“, hat der große Eddy Merckx einmal gesagt. Er selbst hat dort zwei Mal gewonnen. Aber Merckx war eben Merckx. Er gewann alles und wird bis heute als der beste Radsportler aller Zeiten verehrt. Doch jeder, der das Rennen gewinnt, hat auf ewig seinen Platz in den Geschichtsbüchern des Radsports sicher.

Die Ronde hat in Oudenaarde, dem Zielort des Rennens, ein eigenes Museum, in dem die großen Momente, Geschichten und Helden der 102-jährigen Historie festgehalten werden. Dem Schweizer Fabian Cancellara, drei Mal Sieger in Fandern, ist dort ein eigener Raum gewidmet. Sein belgischer Fanklub trifft sich im Museumscafé. „Mich fasziniert die Faszination der Leute“, sagt der deutsche Radprofi John Degenkolb, der in diesem Jahr zum erweiterten Favoritenkreis zählt. „Wer hier aufgewachsen ist, lebt den Traum von der Ronde. Das saugt man auf.“

Degenkolb wird in Flandern von fast jedem auf der Straße erkannt, in Deutschland passiert ihm das eher selten. Auch jetzt, da er mit Mailand-San Remo sein erstes Monument gewonnen hat. In Belgien, wo jedes Kind die Namen der wichtigsten Fahrer buchstabieren kann, egal aus welchem Land sie kommen, werden Profis wie Degenkolb verehrt, auch weil sie die Bedeutung der Ronde verstehen. „Radsport ist nicht nur die Tour de France“, sagt Degenkolb. In Deutschland muss man das betonen, für die Belgier ist die Tour nicht das wichtigste Rennen des Jahres.

Weihnachten an Ostern

Nicht nur die Sieger, jeder Fahrer, der die Flandern-Rundfahrt in Angriff nimmt, ist ein Star – schon beim Einschreiben. Vom Platz Het Zand, wo die Teambusse parken, rollen die Profis morgens durch ein Spalier von Fans bis zum „Grote Markt“. Dort spielt eine Band, die Stimmung kocht, jeder Profi der die Bühne betritt, wird gefeiert. Und für einen Nationalhelden wie Tom Boonen, den hier alle nur „Tomecke“ nennen, stimmen die Fans auch schon mal selbst ein Liedchen aus tausenden Kehlen an. Auch Regenwetter – und das gibt es in Flandern häufig – hält sie nicht davon ab.

Boonen und Cancellara, die großen Duellanten der vergangenen Jahre, werden am Sonntag nicht auf dem zentralen Marktplatz in Brügge sein. Beide sind verletzt. Aber es gibt ja noch genug andere Helden zu feiern. Auch Reinart Swertvaegher wird dann wieder dorthin pilgern. Der Koch besitzt ein kleines Hotel im Südwesten der Altstadt. Das dazugehörige Restaurant ist beliebt und hat Sonntags in der Regel durchgehend geöffnet. Nicht am Tag der Ronde. „Da trifft sich die ganze Familie zuhause vor dem Fernseher und schaut das Rennen“, erzählt seine Frau. „Das ist wie Weihnachten.“ Und fällt in diesem Jahr eben auf Ostern.