John, bevor wir voraus schauen, ein Blick zurück – 2018 war für dich sehr turbulent. Wir haben alle deinen Sieg in Roubaix vor Augen, aber es gab auch schwierige Momente und es lief zunächst überhaupt nicht, oder?

Ich bin 2018 eigentlich supergut in Saison gestartet, habe gleich zwei Rennen (Anmerk. Mallorca Challenge) gewonnen. Aber vor Paris-Nizza bin ich dann krank geworden und es wurde im Rennen immer schlimmer. Das haut dann zu diesem Saisonzeitpunkt mächtig rein. Das kann man nicht mehr aufholen, selbst wenn man nur ein Rennen verpasst. Die anderen haben die Belastung, die dir dann fehlt. Bei E3-Harelbeke habe ich das extrem gemerkt, da hatte ich nicht viel, was ich auf die Straße schmeißen konnte.

 

Und dann kam noch der Sturz vor Roubaix, bei dem du dich am Knie verletzt hast und weswegen du dann lange pausieren musstest – der schwerste Rückschlag?

Ja. Die Zeit nach den Klassikern war extrem anstrengend. Das war der Tiefpunkt meiner Karriere. Damit umzugehen, nicht zu wissen, wann es weitergeht – das war extrem. Eigentlich war ich nach Paris-Roubaix nach Hause gekommen und wollte das Wochenende darauf das Amstel Gold Race fahren. Aber es wurde einfach nicht besser. Am Ende musste ich komplett rausnehmen – durch den verletzten Schleimbeutel war jede Beugung und Streckung tabu. Ich war natürlich unausstehlich in dieser Zeit und bin sehr dankbar für die Unterstützung, die ich erhalten habe, vor allem von meiner Familie.

 

Wie bist du da wieder rausgekommen?

Ich habe dann komplett neu aufgebaut. Mein Trainer ist aus Schweden gekommen und wir haben hart gearbeitet. Dann ging es zur Tour de Suisse. Die ersten Tage waren extrem hart und ein Tourstart schien unerreichbar, weil die Form einfach nicht da war. Aber auf dem Weg zur Arosa Alm hatte ich plötzlich mehr Power, als hätte jemand einen Schalter umgelegt und ich mehr Hubraum. Die Deutsche Meisterschaft lief gut und dann ging es schon zur Tour. Ich bin sehr locker in die Tour gegangen. Mir hat es einfach richtig Spaß gemacht, dabei zu sein.

 

Kam diese Lockerheit von den Erfahrungen zuvor?

Ja, ich denke schon. Die ganze Situation, als mein Freund Jörg das Jahr zuvor gestorben war, hat viel dazu beigetragen, mit schwierigen Situationen umgehen zu können. Das hat mir gezeigt, das Leben einfach so zu nehmen, wie es kommt und das Beste daraus zu machen.

Dass es von einer auf die andere Sekunden vorbei sein kann, ist schon echt krass. Man muss dankbar sein, für das was man erlebt und erreicht hat. Das heißt für mich auch, dass man für seine Erfolge dankbar sein muss, diese auch richtig feiern muss und das auf keinen als Selbstverständlichkeit ansehen darf. Wenn man zum Beispiel sieht, dass ich diesen krass schweren Unfall 2016 relativ glimpflich überstanden habe – es hat einfach gedauert zu verstehen, dass man auch dafür dankbar sein muss.

 

Bis zu dem Unfall ging deine Karriere immer steil bergauf, dann diese Rückschläge – hast du erst jetzt verstanden, wie schwer die Aufgabe für dich war, dass zu verarbeiten?

Ja. Ich habe das ein wenig unterschätzt. In der Situation habe ich gedacht, ich lasse das hinter mir, mache einfach weiter. Es war ja schon so, dass ich auch danach oft mit dem Unfall konfrontiert wurde, habe auch lange Reha gemacht. Ich habe es aber nicht sofort gesehen, welch großes Glück es war, dass ich einfach weitermachen konnte. Dass der Unfall nachwirken wird, mit all dem Trainingsrückstand war mir schon klar, aber es hat gedauert, dass alles hinter mir zu lassen.

John Degenkolb bei seinem Tour-Etappensieg
Deshalb war der Sieg bei der Tour auch so besonders?

Ja. Und wenn ich die Bilder jetzt noch mal sehe, dann sind die Emotionen sofort wieder da. Das ist echt krass.

 

Und dann ausgerechnet in Roubaix …

Das war schon fast kitschig (lacht). Meine Frau hat nur gesagt: Mensch, du musst dir aber auch immer nur die Rosinen rauspicken. Immer wenn du ein Rennen gewinnst, ist es ein besonderes Rennen.

 

Auch wenn die Tour-Etappe besonders emotional war, siehst du den Roubaix-Sieg dennoch als bedeutender an?

Ja, das hat einen ganz anderen Stellenwert. In Deutschland ist der Fokus auf die Tour natürlich enorm und deshalb auch die Wahrnehmung eine andere. Der Sieg bei der Tour war nach der schweren Zeit definitiv der emotionalste meiner Karriere – aber Roubaix ist etwas Anderes.

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