John, zunächst der Blick zurück – was war für dich der beste Moment des Jahres 2017?

Definitiv die Geburt meiner Tochter. Vater zu werden ist etwas, was dich prägt, dich auf den Boden der Tatsachen zurückholt und dir zeigt, was wirklich wichtig ist im Leben.

 
Kannst du das auch so empfinden, wenn du mitten in der Saison steckst?

Absolut. Der Kontakt zu meiner Familie und meinen Kindern ist essentiell, um wieder runterzukommen. Das hilft mir, mich zu erholen. Wenn ich jetzt aber auf den Sommer und die Geburt meiner Tochter zurückschaue, wäre aber ein etwas späterer Geburtstermin schon besser gewesen. Wir hatten zwar zwei Wochen Puffer nach der Tour, aber so genau weiß man ja nie. Ich habe dann während der Tour echt Blut und Wasser geschwitzt. Ich hatte Angst, dass es zu Hause losgeht, während ich in Frankreich bin. 

 
Was hättest du gemacht, wenn es losgegangen wäre?

Ich hatte im Vorfeld mit dem Team gesprochen. Wenn irgendetwas gewesen wäre, wäre ich nach Hause gefahren.

 
Wie hat die Teamleitung reagiert, es ging immerhin um die Tour de France?

Sehr verständnisvoll. Natürlich ist es mein Beruf und das Rennen ist enorm wichtig, aber Vater zu werden ist eben auch etwas ganz besonderes. Wir planen jetzt auch nicht noch drei Kinder (lacht), und der Puffer hat am Ende ja gereicht.

Roubaix-Sieger-Familie: Ehefrau Laura, Sohn Leo und John nach dem Roubaix-Sieg 2015 (© Roth&Roth)
Du wolltest unbedingt bei der Geburt dabei sein?

Ja. Nicht nur für mich, sondern auch um meiner Frau eine Unterstützung zu sein. Sie hält mir das ganze Jahr den Rücken frei, unterstützt mich wo sie kann. Man muss sehen, auch wenn ich zu Hause bin, bin ich ja extrem viel unterwegs, trainiere viele Stunden. Bei der Geburt dabei zu sein, war mir sehr wichtig. Das ist wahnsinnig emotional. Mir hat es wieder die Tränen in die Augen gefeuert – das ist ein Lebensereignis.

 
Ich habe zwar Geburten miterlebt, aber nie Paris-Rouabix gewonnen – ist das emotional vergleichbar?

Ja, das ist schon ähnlich. Natürlich ist es etwas ganz Anderes, aber was die emotionalen Explosionen im Körper betrifft, ist das schon vergleichbar.

Patrick Moster: “Dege, du kannst nicht verlieren”

Nach dem tollsten Moment nun zum schlechtesten – welcher war es?

 

Das war der Anruf bei Andreas Klier, als ich die WM absagen musste. 

 
Das fiel dir schwer?

Der Anruf nicht, denn es ging nicht anders. Ich wollte niemandem etwas vorgaukeln, nur um zur WM zu fahren. Es ist mein Anspruch, als Leader in solche Rennen zu gehen, aber eben nur wenn ich auch die Form habe und meine Leistung bringen kann. Mit der Bronchitis ging das nicht, so bitter wie es für mich war. Das war sicher der Tiefpunkt im Jahr 2017.

 
Das Rennen dann im TV gucken zu müssen war sehr hart?

Extrem bitter. Ich denke, das wäre ein gutes Rennen und ein guter Kurs für mich gewesen. Das fühlt sich an, wie wenn du am Bahnsteig stehst, die Türen gehen zu und du musst zugucken, wie der Zug ohne dich losfährt.

 
Du bist jemand, der genau weiß, was er will und sehr ungern verliert.

Das stimmt. Ich denke aber, dass es sowohl eine Schwäche, aber auch eine Stärke von mir ist, dass ich nicht verlieren kann. 

Ist es vielleicht sogar nötig, um ein Siegfahrer zu sein?

Schon. Wenn man sich auf Top-Niveau mit der Weltelite messen will, dann kann man sich nicht mit einem 08/15-Ergebnis zufrieden geben. Dann will man ganz oben stehen.

Das war bei mir schon immer so. Ich kann mich noch genau an die Nachwuchsklassen erinnern. Eine der prägenden Personen für mich war Patrick Moster. Er war bei vielen Rennen mein Sportlicher Leiter und er kennt mich vielleicht wie kein Zweiter. Schon in der U15, dann in den Junioren-Jahren und dann später auch in der U23. Er hat damals schon immer zu mir gesagt – “Dege, du kannst nicht verlieren”. Das hat mich zwar manchmal im Kopf etwas blockiert, aber es hat mich auch immer wahnsinnig angetrieben.

 
Ist das etwas an dem du arbeitest? Wir alle können uns noch an die Szene mit Jens Debusschere bei der WM 2016 erinnern, als du ihm Wasser ins Gesicht gespritzt hast. Denkst du dann hinterher: “Mensch, Dege”?

(lacht) Natürlich bin ich da nicht stolz drauf, da ist einfach eine Sicherung durchgebrannt. Das war ein Fehler und da habe ich ganz sicher draus gelernt. 

 
Mit wem besprichst du soetwas?

Schon mit meiner Frau. Auch wenn ich unterwegs bin, telefonieren wir oft. Da besprechen wir auch solche Sachen.

“Als ich dann das erste Mal die Ronde gefahren bin, war alles klar.”

Der Ehrgeiz hat dich schon in den Nachwuchsklassen ausgezeichnet, aber es war auch das nötige Talent sichtbar. Vor allem in Bezug auf die Klassiker. Ich kann mich an die U23-Flandern-Rundfahrt 2009 erinnern, als du Dritter wurdest. Vielen von uns war damals klar: der Kerl wird später mal die Klassiker rocken – ging dir das auch so?

Ich habe schon damals gewusst, dass mir die Rennen liegen und dass da was möglich sein wird. Schon bevor ich dort überhaupt mal gefahren bin, fand ich das Spektakel und die Rennen faszinierend. 

Als ich dann das erste Mal die Ronde gefahren bin, war alles klar. Damals (Anmerk. U23-Flandern-Rundfahrt 2008) ist Gatis Smukulis ewig weit vor dem Ziel weggefahren und hat das Ding nach einem Mega-Solo gewonnen. Ich war in einer Verfolgergruppe und bin dann 16. geworden. Da war es vorbestimmt. Da war mir klar, dass mir diese Rennen liegen und dass ich dort ganz vorn landen will. Es war gut, dass ich schon früh wichtige Erfahrungen bei diesen Rennen sammeln konnte.

Leben für die Klassiker – Degenkolb bei der Flandern-Rundfahrt 2017 (© Roth&Roth)

 

Du hast dann als Profi von den Erfahrungen aus den U23-Jahren profitiert?

Na klar. Ich wusste ja am Anfang gar nichts. Kannte die Strecken nicht, wusste nicht worauf es ankam. Bevor ich 2008 das erste Mal die Ronde gefahren bin, habe ich mich mit Stephan Schreck unterhalten und er hat mir ein paar Tipps gegeben. Ich fand die Pflaster-Rennen einfach spannend und wollte alles wissen. Ich hab mir schon lange vorher den Streckenplan ausgedruckt, dass habe ich bei keinem anderen Rennen gemacht.

Bei diesen Rennen musst du genau wissen, wo es lang geht, was die Schlüsselstellen sind. Ich habe damals schon die ganzen Hellinge auswendig gelernt, davon habe ich später natürlich profitiert.

“Wenn du dort gewinnst, trägst du dich in Siegerlisten ein, die hundert Jahre zurückgeht – das ist tierisch abgefahren.”

Weisst du, woher du die Faszination für die Klassiker hast?

Ich hatte die Rennen natürlich schon im Fernsehen geschaut. Als wir dann später in der U23 die gleichen Hellinge gefahren sind, wie die Profis, war das großartig. Du fährst dann Taainberg, Eikenberg und guckst ne Woche später den Profis zu, wie sie die gleiche Strecke fahren – das fand ich so geil, da kann ich mich genau dran erinnern. 

Aber da spielte auch mein Vater eine Rolle, der war total angefixt von den Klassikern und hat sie immer geschaut. Wir haben, so weit ich zurückdenken kann, jedes Jahr Sanremo geguckt, auch Flandern und Roubaix im TV angeschaut. Was der E3-Prijs ist, wusste ich damals natürlich noch nicht.

 

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