4. Bora-hansgrohe – den Kritikern die Luft genommen
Das Team Bora-hansgrohe steckt in einer schwierigen Situation. Viele krankheitsbedingte Ausfälle, vor allem bei den Klassikern fehlen die Sieg-Fahrer. Politt, als Mann für die Pflasterrennen, fuhr bislang krankheitsbedingt der Form hinterher. Max Schachmann fällt nun nach Covid und anschließender Virusinfektion bei Paris-Nizza sogar komplett für die Ardennen-Klassiker aus. Bitter, ohne Frage. Doch dafür läuft es an anderer Stelle rund – vor allem mit Aleksandr Vlasov.
Als Bora-hansgrohe die Neuverpflichtungen für 2022 präsentierte, wurde das nicht überall positiv kommentiert. Ein Journalisten-Kollege wollte sogar einen „hastig zusammengestellten Kader“ erkannt haben. Nach Sagans und Ackermanns Abgang habe es an der Strategie gefehlt, würde man hastig und notgedrungen einen Umbruch einleiten. Das Gegenteil war der Fall, wurden doch Verpflichtungen von Fahrern wie Sergio Higuita bereits lange vor der Tour de France eingeleitet. Die Neuverpflichtungen wurden kritisch betrachtet, gerade die der potenziellen GC-Fahrer. Daran ist das Team natürlich nicht unschuldig.
Das Führungsteam um Ralph Denk steckt sich stets hohe Ziele. Man ist auch nicht um Understatement bemüht, sondern formuliert die eigenen Ziele klar. Monumente gewinnen und auf das Podium einen Grand Tour – da will man hin. Klar, nach Rang vier bei der Tour de France, dem Grünen Trikot in Paris, dem Ciclamino, Paris-Roubaix, … was will man als neue Ziele ausgeben?
Die neue Ausrichtung, vor allem bei den Grand Tours angreifen zu wollen, kann man auch an den Neuverpflichtungen ablesen. Doch genau dort erntete das Team Kritik. Man habe keinen Fahrer geholt, der das Zeug hat, eine Grand Tour zu gewinnen – so die Kritik. Für das Jahr 2022 mag das stimmen. Doch welchen Fahrer hätte man verpflichten können, der dazu in der Lage wäre? Pogacar, Bernal, Carapaz, Roglic – sie alle waren nicht auf dem Markt. Selbst die zweite Reihe, mit Martinez, Vingegaard, Gaudu, Yates… sie waren nicht zu bekommen.
Da wählte man den Weg, der zu einem Team im Umbruch perfekt passt: Man verpflichtete hoch talentierte Fahrer, denen der letzte Entwicklungsschritt fehlt, um ganz oben anzuklopfen. Jai Hindley, Sergio Higuita und allen voran Aleksandr Vlasov zählen zu dieser Kategorie. Vor allem Vlasov bringt mit, was es braucht. Körperlich mit den Voraussetzungen um ganz vorn mitzufahren. Aktuell ist er wohl der Fahrer im Team, mit dem größten GC-Potenzial. Aber eben noch nicht mit der Erfahrung, die es braucht. Die will man ihm geben, nach und nach die Schritte gehen.
Doch gerade bei Vlasov war die Skepsis in den (deutschen) Massenmedien groß. Warum, ist schwer nachzuvollziehen. Vermutlich, weil er selten spektakulär agierte und man ihm nicht die großen Siege zutraute. Gerade in Italien schätze man das beispielsweise ganz anders ein.
Doch nun ist Vlasov der Fahrer, der dem Team Bora-hansgrohe das Frühjahr rettet (in Sachen Ergebnisse): Valencia-Rundfahrt gewonnen, Gesamtvierter bei der UAE-Tour und nun im Baskenland auf dem Podium. Klar, bei seiner ersten Tour de France im Sommer wird er noch nicht ganz vorn mitfahren können, aber seine Entwicklung zeigt definitiv in die richtige Richtung. Den Kritikern der Transferpolitik wurde die Luft genommen. Vor allem durch Vlasov, aber auch von Hindley und Higuita. Diese drei (neuen) Jungs zeigen ein super Frühjahr. Und das ist ganz sicher nicht nur ihren vorherigen Teams zuzuschreiben.

