Mathieu van der Poel – im Überschwang auf Grenzensuche

Was Mathieu van der Poel bei der E3 Saxo Classic zeigte, war sehr, sehr beeindruckend. Er war der stärkste Fahrer im Rennen, lieferte am Stationsberg eine Leistung ab, die große Teile der Weltspitze beinahe wie Hobbysportler aussehen ließ. Van der Poel gewann das Rennen souverän, mit großem Vorsprung. Dass derart die Spannung aus dem Kampf um den Sieg raus war, lag am Missgeschick von Wout van Aert, der am Paterberg stürzte und zurückfiel.
Van der Poel ist vermutlich so stark wie nie zu vor, und die Lücke zum Rest der Welt war noch nie so groß, wie aktuell. Er fährt in einer anderen Liga als der Rest, in die bei den Klassikern wohl nur ein Tadej Pogacar Zutritt hat. Wout van Aert aktuell wohl schon mit Abstrichen. Aber der Rest des Pelotons muss Kniffe anwenden, sich taktisch klug verhalten, um eine Chance zu haben. Siehe Lidl-Trek.
Doch auch für Mathieu Van der Poel gibt es scheinbar Grenzen. Dass er am Sonntag in Wevelgem vom extrem endschnellen Mads Pedersen geschlagen wird, ist kein Kuriosum, aber dass es so wirkte, als wäre er am letzten Kemmelaufstieg schwächer, als Pedersen, ließ einige Augenbrauen nach oben gehen. Vorher war Van der Poel verschwenderisch mit seinen Kräften umgegangen. Die brutale Attacke am Kemmel, dann die nächste auf den Schotterstraßen. Er jagte lange allein Jonathan Milan nach, während der Rest der Spitze in seinem Windschatten fuhr. Er haute raus, was er hatte – weit vor dem Ziel, bei einem sehr langen Rennen.
„Vielleicht hätte er mit seinen Bemühungen unterwegs etwas weniger großzügig sein sollen“, sagte Teammanager Philip Roodhooft gegenüber Wielerflits. In der Tat hätte Van der Poel unterwegs taktisch auch andere Optionen gehabt, als Vollgas zu geben. Die Gruppe dahinter war mit Jasper Philipsen – seinem Teamkollegen, der aktuell wohl der beste Sprinter der Welt ist, bestückt. Zudem waren dort noch einige andere Teamkollegen, als Helfer parat gestanden. Van der Poel entscheid sich anders – Brechstange statt Kalkül.
Es schien fast so, als käme Mathieu van der Piel im Überschwang gar keine andere Option als „Vollgas“ in den Sinn. Als wäre es Frevel, diesem Körper nicht abzuverlangen, was er zu leisten im Stande ist. Es hatte etwas von Grenzsuche. Wie verschwenderisch kann er mit den Kräften sein, bis der Rest an ihm vorbeizieht?
Mathieu van der Poel wird aus diesem Gent-Wevelgem seine eigenen Schlüsse ziehen und nicht minder angriffslustig in die Ronde van Vlaanderen starten. Die Ronde kommt ihm viel mehr entgegen – ein schwereres Rennen mit viel mehr Anstiegen. Das Perfekte Terrain für die nächste große MvdP-Show.



