Einer der ältesten Sprüche im Profiradsport geht so: „Die Fahrer machen das Rennen“. Gemeint ist, dass die Strecke zwar ein Gestaltungsmittel für das große Spektakel ist, die Fahrer aber entscheiden, wie das Rennen läuft und ob tatsächlich ein spektakuläres Rennen entsteht.
Wie viele alte Radsport-Sprüche hat auch dieser seine Berechtigung. Doch die Gestaltung des Parcours bestimmt in großem Maße die Choreografie des Rennens. Enorm viele Dinge sind zu beachten, es geht für die Veranstalter dabei aber nicht nur um sportliche Überlegungen. Die Etappenorte steuern einen erheblichen Anteil des Renn-Budgets bei – da muss die Streckenplanung gegebenenfalls angepasst werden. Auch agiert Veranstalter ASO was den Parcours betrifft mit Weitsicht, wird genau darauf geachtet, welche Regionen Teil der Strecke sind. Durch die TV-Übertragung in viele Länder ist die Tour de France eine große Werbesendung für das wunderschöne Frankreich, dass sein sportliches Prestigeprojekt kräftig unterstützt – auch das spielt natürlich in den Überlegungen der Streckenplaner eine Rolle.
Für die Teams hingegen heißt es einen sportlichen Plan mit größtmöglichem Erfolg zu entwerfen. Für Fans und Medien geht es vor allem um Unterhaltungswert, potenzielle Geschichten und Spektakel. Was bietet die Strecke unter diesen Gesichtspunkten? Ist die Strecke der Tour de France 2024 in Sachen Popcorn und Spektakel mega, oder mau? Hier 5 „Top- und 5 Flop-Argumente“.
Die Strecke der Tour de France ist ein Flop, weil …
- … die Schlusswoche zu schwer ist. Zwei superschwere Bergetappen und ein heftiges Zeitfahren zum Abschluss dieser Tour – wer sich für dieses Finale keine Körner aufhebt, wird im Kampf um Gelb vermutlich untergehen. Das bedeutet, die Top-GC-Fahrer müssen mit den Kräften haushalten, wollen sie am Ende ganz vorn sein. Kalkulierter Krafteinsatz in den ersten zwei Rennwochen könnte den Kampf um Gelb bremsen. Gerade die Tour de France 2023 hat gezeigt, wie spektakulär ein Rennen sein kann, wenn die Top-Jungs schon in der ersten Woche Vollgas geben. Doch bei diesem schweren Finale liegt die Vermutung nahe, dass 2024 zunächst mit anzogener Handbremse agiert wird, bevor in den Schlusstagen die Entscheidung fällt. Und auch für die Sprinter hat dieser Parcours Tücken – an den letzten acht Tagen des Rennens gibt es überhaupt nur eine potenzielle Flachetappe – und bei dieser muss man abwarten, ob nicht die Ausreißer den Sprintern einen Strich durch die Rechnung machen. So wäre es keine Überraschung, würden einige endschnelle Männer vorzeitig die Heimreise antreten und sich auf das nächste Ziel in der Saison vorbereiten.
- … sie zu wenig Fan-Highlights hat. Kein Alpe d’Huez, kein Mont Ventoux – die Bergankünfte in Pla d’Adet, Plateau de Beille, Isola 2000 oder Col de la Couillole entfachen nicht die gleiche Vorfreude. Klar, es geht früh über den Galibier und in der Schlusswoche auch über die Cime de la Bonette – doch für Fans sind es die ikonischen Berge, die für monatelange Vorfreude auf ein abgefahrenes Radsportfest sorgen. Dass man einen Bogen um die Kopfsteinpflaster-Abschnitte im Norden macht, ist beim Start in Italien und Ziel in Nizza wenig verwunderlich. Die Etappe über die Gravel-Abschnitte ist eher ein schwacher Trost, für Pflaster-Fans. Was ist das ikonische dieser Tour de France 2024? Was ist die Etappe, der Berg, auf den sich alle freuen und schon seit Monaten bei den Radausfahrten diskutieren? Eben.
- … man lange auf die erste Bergankunft warten muss. Ja, der Auftakt der Tour ist schwer. Zudem geht es am vierten Tag über den Galibier. Doch nicht am Gipfel ist das Ziel, sondern nach einer sehr langen Abfahrt. Bis tatsächlich die GC-Fahrer bergauf die Karten richtig auf den Tisch legen, das Ziel am Ende einer langen Steigung ist, muss man bis Etappe 14 (!) warten. Das bedeutet vermutlich auch, dass man 13 lange Tage warten muss, ehe die Kletterform eindeutig geklärt ist. Spannung aufbauen kann ein Unterhaltungselement sein, doch wer sich für den Kampf um Gelb begeistert und bergauf die epischen Duelle erleben will, kann sich vielleicht auf zähe zwei Wochen einstellen.
- … der Parcours auf ein Duell ausgelegt war. Insgesamt ist es eine sehr schwere Strecke, mit einem Finale, bei dem es auf Regenerationsfähigkeit und Kletterqualitäten ankommt. Der Parcours wirkt, als wollte man das große Duell zwischen Jonas Vingegaard und Tadej Pogacar maximal auskosten. Die Überflieger der vergangenen Jahre sollen sich in der Schlusswoche um Gelb balgen und wieder für das medienwirksame Duell sorgen. Endlich mal eine Netflix-Storyline, die funktioniert. Dafür sollten beide möglichst zeitgleich in die Schlusswoche gehen – dann das große Final-Spektakel in Woche drei. Doch was, wenn es dieses Duell nicht gibt? Niemand weiß, ob Jonas Vingegaard überhaupt in eine Form kommen kann, um Gelb zu fahren. Sind Remco Evenepoel und Primoz Roglic die verbliebenen Top-Konkurrenten von Tadej Pogacar? Kann die Schlusswoche zum Spektakel werden, wenn Pogacar ähnlich dominiert, wie beim Giro?
- … die Bergetappen so konfiguriert sind, dass frühe Angriffe weit vor dem Ziel wenig erfolgversprechend sind. Bergetappen sind für die Fans das große Fest. Die epischen Schlachten bergauf, die leidenden Körper, im direkten Kampf Mann gegen Mann. Das ist es, was die Fans bei der Tour de France am meisten lieben. Ganz besonders entzückt sind die Fans, geht es bei Bergetappen schon weit vor dem letzten Anstieg zur Sache. Episch, die Attacken weit vor dem Ziel! Die Veranstalter versuchen es, oft Etappen zu bauen, die genau das ermöglichen – ein Rennen, dass früh explodiert. Das gelang bei der Vuelta, beim Giro und auch schon bei der Tour. Doch schaut man sich den Parcours dieser Tour de France an, stellt sich die Frage, wo denn eine frühe Attacke bei einer Bergetappe Erfolg verspricht – vor allem gegen starke Teams. Bei fast jeder Bergetappe gibt es auf dem Weg zum letzten Anstieg einen längeren Abschnitt, der es starken Mannschaften ermöglicht, das Rennen zu kontrollieren. Allein oder zu zweit hat man es extrem schwer, verbraucht extrem viel Kraft. Gut, Allianzen bilden und die gute alte Relaisstation auspacken – aber sowas ist für ein starkes Team leicht zu durchschauen und sie können darauf entsprechend reagieren. Bleibt also nur der Kampf Mann gegen Mann bei den Schlussanstiegen? Das wäre schade, vor allem in Sachen Unterhaltungswert. So wie die Bergetappen der Tour 2024 gebaut sind, wird es vielleicht darauf hinauslaufen.


