Profil Mailand-Sanremo 2026

Endlich, das erste Monument des Jahres! Mailand-Sanremo. Mehr als 100 Jahre Tradition, ganz viel Prestige und ein Rennen mit einem einzigartigen Charakter. „La Primavera“, der Frühling – dieses 298 Kilometer lange Rennen läutet die Zeit der ganz großen Klassiker des Jahres ein. Der Startschuss fällt am Samstag in Pavia und es geht nach Mailand, auf die berühmte Via Roma.

Mailand-Sanremo folgt einer klaren Dramaturgie. Erst Langeweile über Stunden, dann steigert sich die Spannung von Kilometer zu Kilometer. Erst an den beiden letzten Anstiegen – den Sanremo-Legenden Cipressa und Poggio – entlädt sich die gesamte Anspannung in einem Radsport-Feuerwerk. Das Rennen hat sich verändert, wurde in der „Zabel-Zeit“ zum Sprinterrennen, nun aber immer mehr zum harten Spezialisten-Rennen der Extrakönner. Zum letzten Mal im Massensprint wurde das Rennen vor 10 Jahren entschieden – 2016 gewann Arnaud Demare aus einer rund 30-Mann-Gruppe.

Im vergangenen Jahr siegte Mathieu van der Poel, nachdem er und Filippo Ganna den Attacken von Tadej Pogacar folgen konnten. Im Jahr 2024 holte sich Jasper Philipsen den Sieg, im Sprint der kleinen Spitzengruppe, nachdem Teamkollege Van der Poel die Vorarbeit machte.

Die Vorzeichen für 2026 sind klar, der Blick ist wieder vor allem auf Tadej Pogacar gerichtet. Kann der beste Fahrer der Welt die Konkurrenz abhängen und sich endlich den Sieg bei Mailand-Sanremo holen? Möglich, aber es wird für den Außerirdischen eine harte Nuss. Denn die Berge sind nicht lang genug, um seine enormen Kletterfähigkeiten so einsetzen zu können, wie etwa beim letzten Monument des Jahres – Il Lombardia. Im Sprint ist es Pogacar im direkten Duell gegen Fahrer wie Mathieu van der Poel oder gar Jasper Philipsen fast unmöglich, den Sieg einzufahren. Pogacar muss die Konkurrenz möglichst abschütteln. Die Konkurrenz aber weiß darum und wird alles daran setzen, ihn nicht ziehen zu lassen.

Die Wetterprognosen spielen Pogacar nicht in die Karten – es soll im Finale der Wind eher von vorn und der Seite kommen. Das macht ein Solo für den Weltmeister schwieriger.

Der Hauptkonkurrent war im vergangenen Jahr Mathieu van der Poel, und so wird es höchstwahrscheinlich auch in diesem Jahr sein. Van der Poel ist in einer herausragenden Form, wird ganz sicher nur schwer abzuhängen sein. Mit welchem Plan wird Pogacar ins Rennen gehen? Wie gehen die anderen Mannschaften das Finale an? Kann Van der Poel dranbleiben? Wer kann den Angriffen noch folgen? Tom Pidcock vielleicht, oder erneut Filippo Ganna? Diese und noch mehr Fragen warten auf Antworten.


Die Vorschau wird präsentiert von: Q36.5

 

Die Strecke von Mailand-Sanremo 2026

Karte Mailand-Sanremo 2026

Die Strecke führt über 298 Kilometer von Pavia nach Sanremo. In diesem Jahr führt die Strecke das Peloton zunächst ein paar Kilometer nach Norden in Richtung Mailand, dann geht es gen Süden, mit einem kleinen Schlenker, ehe man in Tortona wieder auf die klassische Strecke trifft und dann über den Passo del Turchino zum Ligurischen Meer rollt.

Mit den fünf „Capi“ – den kurzen, aber steilen Anstiegen auf den letzten rund 55 Kilometern zum Ziel, beginnt das Finale des Rennens. Zunächst Capo Mele (51,6 km vor dem Ziel) und Capo Cervo (46,7 km vor dem Ziel). Dann Capo Berta (38,9 km vor dem Ziel). Vor den Anstiegen wird es im Feld extrem schnell, und alle Favoriten müssen hellwach sein. Die Kapitäne wollen möglichst weit vorn sein, damit sie bei Stürzen oder einem Riss im Feld nicht abgehängt werden.

Der vorletzte Anstieg ist die 5,6 km lange Cipressa (Steigung 4,1 %). Eine recht lange Steigung, allerdings in weiten Teilen moderat steil. Eine sehr kurze Passage hat jedoch 9% Steigung, im oberen Teil wird es dann aber wieder flacher.

Will man hier die Sprinter abhängen, die Konkurrenz ans Limit bringen oder gar einen Angriff starten, muss man direkt ab dem Einstieg Vollgas geben. Vom Gipfel sind es exakt 21,7 Kilometer bis zum Ziel. Traut sich Tadej Pogacar zu, hier All In zu gehen?

Die letzte Steigung ist eine Legende – der Poggio. Nur rund 3,7 Kilometer lang bei moderaten 3,7% Steigung – für Profis nur ein kleiner Hügel. Doch nach rund 300 Kilometern im Sattel wird der Poggio zum Scharfrichter.

Mit vier Haarnadelkurven geht es bergan. Wer angreifen will, sollte schon vor dem Anstieg gut positioniert sein. So wird es vor der Steigung in den Positionskämpfen schnell und hektisch.

Vom Gipfel sind es noch 5,5 Kilometer bis ins Ziel. Die Abfahrt nach Sanremo hat einige enge Kurven, hier ist fahrerisches Können gefragt. Der letzte Kilometer zum Ziel ist dann flach, auf breiter Straße.

Start: 10:15 Uhr
Turchino Pass (149 km vor dem Ziel) ~13:40 Uhr
Capo Mele (51,6 km vor dem Ziel) ~15:45 Uhr
Capo Cervo (46,7 km vor dem Ziel) ~15:53 Uhr
Capo Berta (38,9 km) ~16:05
Cipressa (21,7 km vor Ziel) ~16:35 Uhr
Poggio (5,6 km vor Ziel) ~16:53 Uhr
Ziel: ~17 Uhr

Die Favoriten für Mailand-Sanremo 2026

Für dieses spezielle Finale gab es mehrere erfolgversprechende Szenarien, wie die Vergangenheit zeigt – eine späte Attacke von Vincenzo Nibali am Poggio mit epischem Solo, der unglaubliche Triumph des Downhill-Mohoric mit versenkbarer Sattelstütze und waghalsiger Poggio-Abfahrt. Die Kwiatkowski-Millimeterentscheidung 2017, der Degenkolb-Sprint-Sieg 2015, oder auch der beeindruckende Solosieg von Mathieu van der Poel im Jahr 2023, als er kurz vor dem Gipfel des Poggio allen davonzog. Eine „Ciolek-Edition“ mit Eis, Schnee und Unterbrechung droht in diesem Jahr nicht! Die Prognose sagt Regen statt einer sonnigen Fahrt in den Frühling voraus.

Der beste Fahrer der Welt möchte auch gern dieses Rennen gewinnen. Doch wie oben beschrieben, muss Tadej Pogacar wohl die endschnelleren Männer wie Mathieu van der Poel abhängen, um gewinnen zu können. Abhängen, das macht Pogacar meist bergauf – doch lange Berge hat das Rennen nicht. Das einzige Szenario für einen Pogacar-Erfolg scheint, ein brutal schweres Finale zu erzeugen und schon an der Cipressa das Tempo so sehr in die Höhe zu treiben, dass selbst Fahrer wie Van der Poel am Limit sind, wenn der Angriff von Pogacar kommt.

Dafür braucht es aber nicht nur eine sehr gute Position zu Beginn der Cipressa für Pogacar, sondern auch für seine Helfer, die direkt ab dem Fuße der Cipressa extrem aufs Tempo drücken müssten, um es wirklich maximal schwer zu machen. Dann kann kurz vor dem Gipfel die thermonukleare Attacke von Pogacar kommen, um wirklich alle anderen abzuhängen. Bloße Theorie? Ja. Ist Van der Poel an der Cipressa tatsächlich abschüttelbar? Es gibt große Zweifel!

Gedanken über einen Rennausgang kann man je nach Ausgang der Attacken an Cipressa unterschiedlich anstellen: Hängt Pogacar alle ab, wird er versuchen bis zum Ziel durchzuziehen. Löst sich eine kleine Gruppe um Pogacar, wird dieser dann am Poggio den nächsten Versuch unternehmen, sich zu lösen. Gibt es nach der Cipressa in der Spitzengruppe keine Zusammenarbeit, könnten die Verfolger wieder aufschließen und eine große Gruppe in den Poggio gehen. Gelingt es dort auch niemandem, sich entscheidend abzusetzen, würde vielleicht am Ende doch eine größere Gruppe auf die letzten zwei Kilometer gehen. Dann wäre eine späte Attacke denkbar, wie sie Fabian Cancellara gern zündete, oder der Angriff bergab von Tom Pidcock, oder es kommt zum Sprint. Oder …

Mailand-Sanremo scheint vorhersehbar, erst Recht mit dem zu erwartenden Duell von Tadej Pogacar und Mathieu van der Poel. Doch in einem 300-Kilometer-Rennen kann viel passieren! Lösen sich Van der Poel und Pogacar gemeinsam – arbeiten sie dann zusammen? Löst sich eine 10-Mann-Gruppe an der Cipressa – wer kontrolliert dort das Geschehen, wenn jemand attackiert? Was passiert, wenn es Isaac Del Toro ist, der an der Cipressa die Attacke setzt, während alle auf den Pogacar-Antritt warten?

Mads Pedersen kehrt nun doch in den Rennbetrieb zurück und gibt sein Debüt nach Handgelenkbruch. Man darf gespannt sein, wie er sich beim Comeback schlägt. Endschnelle Männer sind einige dabei, die man auf dem Zettel haben sollte, wird das Rennen doch im Sprint einer Gruppe entschieden. Jasper Philipsen als Ex-Champion ohnehin, aber vor allem auch Matthew Brennan (der Brite ist laut Team krank und startet nicht). Dazu Paul Lapeira, Tobias Lund Andresen und auch Corbin Strong.

Die simple Frage lautet: Kann Pogacar alle abschütteln? Doch so leicht ist Radsport nicht, vor allem nicht Mailand-Sanremo? Sicher scheint: Es wird ein spektakuläres Finale.

***** Mathieu van der Poel
**** Tadej Pogacar
*** Pidcock, Philipsen, Brennan
** Grégoire, Ganna, Strong, Girmay, Schmid, Van Aert
* Lund, Lapeira, Vacek, Pedersen, Laporte, Vendrame, Del Toro

Start: 10 Uhr
Ziel: 16:50 Uhr

Startliste:

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Das Rennen der Frauen startet in Genua und führt entlang der Küste. Es ist 156 Kilometer lang und hat das identische Finale des Männerrennens. Die erste Auflage hatte im vergangenen Jahr Lorena Wiebes souverän im Sprint einer größeren Gruppe vor Marianne Vos (Visma | Lease a Bike) und Noemi Rüegg (EF Education-Oatly) gewonnen.